Sonntag, 18. Juni 2017

An einem abgelegenen Ort

An einem abgelegenen Ort stand eine Lilie, sorglos und froh, der Sonne zugewandt. Eines Morgens kam ein kleiner Vogel und schloss Bekanntschaft mit der Lilie. Am nächsten Tag kam er wieder, und so fort, bis, ja bis sich die Lilie in den Vogel verliebte, weil er so lustig war. 
Der Vogel aber ließ die Lilie spüren, wie frei er war und wie fest sie an den Boden gewurzelt blieb. Der Vogel erzählte ihr von herrlichen Lilien, die es anderswo gäbe, so prächtig wie sonst keine Lilie. Darüber wurde die Lilie bekümmert, und sie begann, mit ihrem Schicksal zu hadern. 
Immer kümmerlicher kam sie sich vor und wünschte nichts sehnlicher, als an anderer Stelle zu wachsen: dort bei den vielen Lilien in der Ferne, von denen der kleine Vogel erzählt hatte. Eines Tages war es so weit. Sie bat den Vogel: Nimm mich in deinem Schnabel zu den anderen Lilien. 
Da löste der Vogel das Erdreich um ihre Wurzeln, nahm sie in seinen Schnabel und flog mit ihr davon. Er wollte sie ans Ziel ihrer Sehnsucht tragen, dorthin, wo sie in Gesellschaft anderer schöner Lilien eine Prachtlilie werden könnte. Doch unterwegs verwelkte sie. 
Nach einem Gleichnis von Søren Kierkegaard (1813 - 1855)

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