Donnerstag, 25. Mai 2017

Lisan in İstanbul

Es ist nicht der kürzeste Weg von Tasikmalaya nach Istanbul. Lisan schreckt das nicht ab. Ohne mit der Wimper zu zucken macht sie sich auf den Weg und so steht sie eines Tages auf dem Atatürk Havalimanı, einem der beiden Flughäfen der Stadt, die auf zwei Kontinenten liegt. Vielleicht ist sie ein bisschen aufgeregt, ganz bestimmt aber neugierig. Sie hat Schlangenfrüchte aus ihrer Heimat im Gepäck. 
Gleich am ersten Nachmittag geht sie von Sirkeci hinauf zum Sultanahmet Meydanı, der umrahmt von Hagia Sophia und der Blauen Moschee eine eine eindrucksvolle Kulisse bietet. Unterwegs wirft Lisan noch einen Blick in den Gülhane Park, der um diese Jahreszeit mit seiner Blütenpracht protzt.
Um ihren Hals hängt eine EOS. Lisan fotografiert gerne und viel. Das Tulpenfestival ist in vollem Gange. Zwischen der Hagia Sophia und dem gegenüberliegenden Hamam erstreckt sich ein riesiger Tulpenteppich, der größte der Welt. Lisan staunt und auf einer Bühne geben Musiker ein Ständchen zum Besten. 
So etwas macht natürlich hungrig und Lisan bestellt Kebab. Als Vorspeise gibt es Antep Ezmesi, eine scharfe Gemüse-Salsa, und Ekmek. Das Fleisch mundet ihr nicht sonderlich, doch der süße Sütlaç hinterher versöhnt. Zum Sonnenuntergang geht es mit dem Marmaray hinüber nach Üsküdar, das auf ihrem Heimatkontinent Asien liegt. Ihr Blick schweift am Kız Kulesi vorbei hinüber zu den Minaretten und Türmchen der Altstadt. Die Sonne strahlt mit ihrem Lächeln um die Wette.
Als an der Yerebatan Sarnıcı, einer spätantiken, unterirdischen Zisterne, kaum Besucher anstehen, nimmt Lisan die Gelegenheit wahr, hinein zu gehen. Auch hier bieten sich interessante Fotomotive, wenngleich es oft wegen der Lichtverhältnisse nicht einfach ist, sie abzulichten. Doch Lisan schafft das, liest interessiert die Informationstafeln, befasst sich mit der Geschichte und bewundert die Medusenköpfe. 
Gegenüber der Sultanahmet Camii befindet sich das Grande Cafe. Lisan benutzt den Aufzug und begibt sich auf das oberste Stockwerk des Gebäudes. Das Panorama von dort oben ist unbeschreiblich und es ist verwunderlich, dass sich hier kaum Gäste befinden. Lisan bestellt ein paar dieser süßen Konditoreierzeugnisse und einen türkischen Kaffee ohne Zucker. So bitter kann kein Leben sein. 
Auf dem Weg zum Großen Basar wird wieder viel fotografiert, ein alter Friedhof bei Çemberlitaş und das Eingangstor der alten istanbuler Universität besichtigt und das Treiben der quirligen Tauben auf dem Beyazit Meydanı beobachtet. Durch das Beyazıt Kapısı geht es hinein in das Labyrinth der Ladenstraßen des Kapalı Çarşı. Lisan ist begeistert von den handgefertigten Keramiken und den bunten Tüchern mit den Blumenmustern. Sie versteht es, mit den Händlern zu feilschen.
Nach einem guten Geschäft grinst sie wie ein Maikäfer, gestaltet sich aber ein Verkaufsgespräch zäh und nicht nach ihrer Vorstellung, kann sie auch richtig böse schauen. Da möchte selbst der abgebrühteste Händler am liebsten im Boden versinken. Vor den Geschäften mit den bunten Lampen bleibt Lisan immer wieder fasziniert stehen. Sie scheinen es ihr besonders angetan zu haben. Wenn sie nur wüsste, wie sie solche Gegenstände heil nach Hause bringen könnte. 
Abends gönnt sich Lisan Mezeler, gegrillten Lachs und Ayran. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das Efes Pilsener hat ein anderer getrunken. Zum Abschluss des Tages bummelt sie noch über den Sultanahmet Platz, auf dem Nachts der Springbrunnen mit seinem bunten Farbenspiel eine ganz besondere Atmosphäre verbreitet. Die letzten Eindrücke dieses ereignisreichen Tages holt sich Lisan an der Galatabrücke und einem Blick hinaus auf den Bosporus mit der in der Dunkelheit ebenfalls beleuchteten Boğaz Köprüsü.
Der frühe Vogel fängt den Wurm. Also raus aus den Federn und schon geht nach dem Frühstück die Erkundung der Stadt weiter. Lisan beginnt wieder im Stadtteil Sirkeci mit seinem bekannten Kopfbahnhof, der von einem deutschen Architekten im Stil des europäischen Orientalismus entworfen wurde. Im Inneren des Gebäudes hat mittlerweile ein kleines Eisenbahnmuseum eröffnet, das Exponate aus früheren Zeiten zur Schau stellt. Die einzigen Sitzplätze sind für Katzen reserviert. Vor dem Bahnhof steht immer noch die alte Lokomotive aus München. Nach der Besichtigung schlendert Lisan über die Galatabrücke und begutachtet die Fangergebnisse der zahlreichen Angler, die hier den ganzen Tag stehen und auf einen dicken Fisch hoffen. Danach geht es mit der Straßenbahn von Karaköy nach Kabataş. Dort wirft Lisan einen Blick in die Dolmabahçe Camii, spaziert vorbei am neu aufgebauten Stadion von Beşiktaş, dem gigantischen Sultanspalast und dem Deniz Müzesi.
Ziel war der Hafen von Beşiktaş, wo sich drei Blogger aus drei verschiedenen Nationen zu einem Treffen verabredet hatten: Lale (http://laracroft3.skynetblogs.be) aus der Türkei, Nervenruh (http://nervenruh.blogspot.de) aus Deutschland und die weit gereiste Lisan (http://lisankyrana.com) aus Indonesien. Solche Treffen dürften weltweit wohl sehr selten sein und sind schon alleine aus diesem Grund etwas ganz besonderes. Nach einem längeren Plausch bei erfrischenden Getränken bestieg Lisan ein Schiff, das sie hinüber auf den asiatischen Teil der Stadt nach Kadıköy brachte. Dort kann man lecker essen, gut einkaufen und durch die Gassen mit seinen Fischhändlern, Obst- und Gemüseläden sowie Gewürz- und Teebasaren streunen.
Tags darauf geht es hinüber auf die andere Seite des Goldenen Horns. Erst mit der Straßenbahn und dann mit dem inzwischen 142 Jahre alten Tünel erreicht Lisan Galata. Nach einem kurzen Spaziergang durch das Viertel mit seinen Musikinstrumenten, Gemälden und anderem Kunsthandwerk geht es hinauf auf den alten Galataturm, der an Rapunzel erinnert. Lisan genießt die Aussicht von oben, ihr Blick schweift hinüber nach Fatih, weit hinaus auf den Bosporus und zu den Wolkenkratzern am Horizont. 
Wieder unten angekommen beginnt ein Bummel entlang der İstiklâl Caddesi, einer Flaniermeile durch Beyoğlu, von der es heißt, sie schlafe nie. Die Straße wird gesäumt von vielen Geschäften, Cafes und Restaurants, von Musikanten, Bettlern und fliegenden Händlern. Einer dieser flinken Eisverkäufer treibt mit Lisan seinen Schabernack. Geschickt dreht und wendet er die Waffel, so dass Lisan mehrmals ins Leere greift, bis sie das leckere Dondurma in ihrer Hand hält. Kurz vor dem Taksim Meydanı gibt es die exklusivste Schokolade Istanbuls. Lisan nimmt drei Tafeln mit. Nach einem Rundgang um den Platz mit dem Denkmal der Republik und einer kleinen Erfrischung geht sie vorbei an einem Losverkäufer, der einen Gewinn in Höhe von drei Trillionen Türk Lirası offeriert.
Lisan geht durch die Gassen, die von Taksim hinunter an den Bosporus führen. Diese Gegend, Çukurcuma genannt, ist voll von Antiquitätenhändlern und Sammlern brauchbarer und unbrauchbarer Dinge. Hier eröffnete Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk sein Masumiyet Müzesi, das sein Buch „Museum der Unschuld” zur Wirklichkeit werden lässt. Lisan borgt sich einen Audioguide und lässt sich durch die Ausstellung führen. Für jedes Kapitel des Buches gibt es ein Exponat zu besichtigen.
Nun hat sich Lisan eine Pause redlich verdient. Sie spaziert hinunter nach Tophane, vorbei an der Kılıç Ali Paşa, biegt rechts ab Richtung Karaköy und verliert sich in den schmalen Gässchen in einem der vielen Cafes, die zum gerne von Studenten besucht werden. Bei einem Türk Kahvesi, der dort mit einem Glas Wasser und süßen Leblebi serviert wird, tankt sie neue Kraft. 
Um zum höchsten Gebäude der Türkei zu kommen, nimmt Lisan die M2 bis zur Haltestelle 4. Levent. Dort ist nichts antik, nichts erinnert an die lange Geschichte der Stadt, nichts ist alt. Wolkenkratzer ragen gen Himmel. Mit seinen 261 Metern übertrifft İstanbul Sapphire alle anderen. Im Gebäude befindet sich ein Einkaufszentrum mit Geschäften, Restaurants und Freizeitbereichen. Die Stockwerke mit Wohnungen und Büros sind für Besucher unzugänglich. Lisan nimmt den Aufzug, der mit einer Geschwindigkeit von nahezu 20 km/h zur 54. Etage hochfährt. Als sie dort aussteigt, kann sie sich einen Ausruf des Entzückens nicht verkneifen. Die Aussicht ist umwerfend. Mit schlotternden Knien fotografiert sie Istanbul bei Nacht aus der Vogelperspektive.
Nicht nur die Sonne, sondern auch Lisan strahlt. Ihre neue Sonnenbrille ist offensichtlich die einzige in der Stadt und ein Unikat. Nach einem Gläschen Çay nimmt sie das Linienschiff zu den Adalar, einer Inselgruppe im Marmarameer. Sie genießt die Fahrt durch den Bosporus hinaus aufs weite Meer und fotografiert mit Vergnügen die flatternden Möwen, die unentwegt dem Schiff folgen. Lisan steigt auf Büyük Ada aus. Nach einem Erkundungsgang rund um den Hafen besucht sie eines der Fischrestaurants, bestellt feine Vorspeisen und gegrillte Garnelen. Zur Verdauung spaziert sie durch den Ort und hinauf zu den wunderschönen Holzhäusern, um die sich streunende Katzen tummeln. Auf dem Rückweg nascht sie noch ein leckeres Speiseeis. Dann verschwindet sie mit dem Schiff in einem traumhaften Sonnenuntergang.
Nach einer großen Runde durch den Gülhane Park und einem Blick in die Blaue Moschee steht der Besuch des Istanbul Modern, einem Museum für zeitgenössische Kunst, auf dem Programm. Hier lassen sich nicht nur Werke verschiedenster Art bestaunen, das Museumsrestaurant bietet auch vorzügliches Essen und eine schöne Aussicht über den Haliç hinüber nach Sultanahmet. Lisan genießt es. Noch ein Gebet in der Moschee gegenüber Tophane, ein Spaziergang durch Karaköy und über die Galatabrücke, dann versinkt die Sonne am Ende des Goldenen Horns. Popeye is smoking a cigarette. Das Haupt des Bleichgesichts hatte sich unter der starken Sonneneinstrahlung bedenklich verfärbt. 
Die wechselhafte und lange Geschichte Istanbuls lässt sich in der Hagia Sophia hautnah nachvollziehen und erleben. Der gigantische Kuppelbau war einst eine Kirche, danach eine Moschee und ist heute ein Museum, dessen Besuch sich Lisan nicht entgehen lässt. Sie ist beeindruckt von der Architektur, den Fresken, Kalligraphien und riesigen Kronleuchtern. Sie versteht die arabischen Schriftzeichen, deren Bedeutung den meisten Europäern im Verborgenen bleiben. Lisan fotografiert eifrig und steckt ihren Finger in das Loch der sagenumwobenen schwitzenden Säule. 
Am Nachmittag danach steht nochmals ein Einkaufsbummel im Großen Basar an, der diesmal jedoch durch das Tor verlassen wird, das die Besucher hinunter nach Mahmutpaşa entlässt. Hier reiht sich ein Geschäft ans andere, es herrscht großer Trubel und dichtes Gedränge. Massen von Menschen schieben sich durch die belebten Gassen, bis unten in Eminönü ein Cafe zu einer kleinen Rast und zum Luftholen einlädt. Popeye mit seinem roten Kopf kippt halb aus den Latschen.
Ein Besuch des Emirgan Parkı ist eigentlich immer etwas Schönes. Hätte der Taxifahrer aber vorher verraten, dass die Uferstraße entlang des Bosporus wegen eines Marathonlaufs gesperrt ist, wäre Lisan wohl an einem anderen Tag gefahren. Doch schon saß sie im Fahrzeug, das sich vorbei am 5. Levent und der Türk Telekom Arena von Galatasaray durch ellenlange Staus, nervenaufreibendes Verkehrschaos und benzingeschwängerte Luft quälte. Lisan beeindruckte das nicht. Sie entschied sich für ein Nickerchen auf dem Rücksitz. 
Emirgan war an diesem Tag überlaufen. Unzählige Besucher schoben sich auf den Wegen durch die reich bepflanzten Anlagen und bevölkerten Wiesen und Bänke. Viele Hochzeitspaare, die Lisan mit gemischten Gefühlen ablichtete, waren zu sehen. Als der Magen knurrte, empfahl es sich, den Rückweg anzutreten. In einem Lokal nahe des Sirkeci Garı bestrich Lisan ihr Omelette mit Pul Biber als wäre es Marmelade. Sie ist es gewohnt, scharf zu essen. 
Tags darauf lag der Schreiber dieser Zeilen halb tot im Bett. Ein nicht zu unterschätzender Sonnenstich mit all seinen Begleiterscheinungen hatte ihn lahmgelegt. So entging ihm und entgeht auch Dir, lieber Leser, das Treffen Lisans mit einer Besuchergruppe aus ihrer Heimat auf dem Sultanahmet Meydanı. Sie hatte großen Appetit am Abend, während das Bleichgesicht kaum einen Brocken hinunter brachte.
Jede Reise hat ein Ende, so auch diese. Die Koffer waren schnell gepackt und der Weg zum Flughafen verlief reibungslos. Dann trat Lisan ihren langen Weg zurück nach Tasikmalaya an. Schon viele Reisende haben ihr Herz in Istanbul verloren und kehren immer wieder zurück. Ob es Lisan auch so ergangen ist, wird die Zukunft zeigen.
>> Fotos

Kommentare:

Lisan Kyrana hat gesagt…

Thank you for featuring me on your blog. It's an honor :))

Krautl hat gesagt…

So ein schöner Bericht und so tolle Fotos, lieber Nervenruh !
Und Euer Treffen ist ja wirklich was Tolles, freut mich für Euch :-)
Viele Grüße ... :-)