Freitag, 5. Mai 2017

İstanbul 2017

Die Zeitungen berichten von einem dramatischen Einbruch der Besucherzahlen, das Hippodrom sei nahezu verwaist, die Händler würden über rückläufige Umsätze klagen, auf der İstiklal Caddesi bewege sich zur Zeit lediglich eine übersichtliche Anzahl von Menschen oder die langen Warteschlangen vor den Hauptattraktionen der Metropole seien verschwunden. Über das Fernsehen werden negative Nachrichten verbreitet, flimmern Bilder von gewalttätigen Terroranschlägen, politischen Unruhen und brutalen Polizeieinsätzen. Es wird der Eindruck erweckt, die Stadt befände sich in Aufruhr und im Niedergang. Nichts von alledem ist wahr. Zugegeben, deutsche Touristen sind dort zur Zeit kaum anzutreffen, doch Massen von Reisenden aus aller Welt wälzen sich Seite an Seite mit der einheimischen Bevölkerung durch die Straßen und Gassen, beleben Plätze und Parks, feilschen mit den Händlern und warten geduldig auf Einlass in die geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten. An Wochenenden sowie am Maifeiertag brechen zwar alte Rivalitäten am Taksim-Platz auf, doch das ist nicht ungewöhnlich und schon gar nicht neu, sondern lediglich ein schon seit Jahrzehnten immer wieder stattfindendes Ritual, das mittlerweile zu Istanbul gehört wie die Blaue Moschee und der Bosporus.
Ende April befindet sich das zum elften Mal stattfindende Tulpenfestival noch in vollem Gange. Zu diesem Zweck ließ die Großstadtgemeinde an vielen Straßen und Plätzen, in verschiedenen Gärten und Parkanlagen weit über zwanzig Millionen Tulpenzwiebeln setzen, deren Pracht sich nun um diese Jahreszeit voll entfaltet. Unzählige Sorten in allen möglichen Formen und Farben, zum Teil angelegt in Ornamenten und Mustern oder wie künstliche Landschaften und Bilder verwöhnen die Augen der staunenden Betrachter. Das fehlende Blau der Blumen, die die Spuren des Orients tragen und über einen exponenten Platz in der Mythologie verfügen, wird durch Traubenhyazinthen und Stiefmütterchen ersetzt. Das Zentrum des Ereignisses, das durch diverse Kulturveranstaltungen wie Ausstellungen, Konzerte oder Führungen umrahmt und begleitet wird, liegt in Emirgan, das sich am Ufer des Bosporus hinzieht und seinen interessierten Besuchern einen weiträumig und großzügig angelegten Park bietet. Auf dem Sultan-Ahmed-Platz zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee wird ein überdimensionaler Tulpenteppich zur Schau gestellt. Wenn dann Anfang Mai bei sonnigem Wetter die Temperaturen bereits auf sommerliche Höhen empor schnellen, verwelkt die bunte Blütenpracht zusehends, die Blätter fallen und zurück bleibt eine kleine Ahnung von dem, was kurz zuvor noch Wirklichkeit gewesen war.

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