Montag, 26. Dezember 2016

Großveranstaltung

In der Innenstadt Augsburgs fand heuer zum Weihnachtsfest eine einmalige Großveranstaltung mit mehr als vierundfünfzigtausend Mitwirkenden statt. Initiator war genau genommen die britische Royal Airforce, die den Grundstein für dieses Ereignis bereits am 14. Februar 1942 mit ihrer General Directive No.5 legte. 
Im Zweiten Weltkrieg wurde Augsburg mehr als zehnmal bombardiert, darunter zwei große Luftangriffe. Hauptangriffsziele waren die M.A.N., die Messerschmitt-Werke und der Hauptbahnhof, getroffen wurden hauptsächlich die Wohngebiete der Zivilbevölkerung und die historische Altstadt. Allein in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 wurden hunderttausende von Bomben aus fast 600 Flugzeugen abgeworfen. Nicht alle explodierten, etwa jede zehnte Bombe wurde zum Blindgänger. 
Vergangenen Dienstag, dem 20. Dezember 2016, wurde bei den Bauarbeiten für eine Tiefgarage in der Nähe des Jakober Tores am Rande der Altstadt solch eine scharfe Fliegerbombe gefunden. Das am Anfang auf eine mit einem Gewicht von 3,8 Tonnen geschätzte Ungetüm entpuppte sich dann als eine mit lediglich 1,8 Tonnen, was aber immer noch reichte, um der in der Nachkriegszeit schwerste im Stadtgebiet von Augsburg gefundene Blindgänger zu sein. Es handelte sich um um eine britische Luftmine vom Typ HC 4000, die unter ihrer dünnen Außenhaut etwa eineinhalb Tonnen reinen Sprengstoff enthält. Bekannt ist dieser Minentyp unter dem Namen „Block Buster” beziehungsweise „Wohnblockknacker”. Die Bomben wurden im Krieg eingesetzt, um auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern Fenster und Türen zu zerstören und Dächer abzudecken. Ziel war es, dass die nachfolgenden Flugzeuge mit ihren Brandbomben in den bereits beschädigten Häusern eine noch größere Zerstörung verursachen konnten.
Gestern herrschte in Augsburg der Ausnahmezustand. Die Bombe musste entschärft werden und die vierundfünfzigtausend Bewohner der Innenstadt hatten ihre Wohnungen zu verlassen. Das Wort „Evakuierung” lag in aller Munde. Ein Sperrgebiet im Umkreis von eineinhalb Kilometern rund um den Fundort durfte fast den ganzen Tag nicht betreten werden. Am Abend war der ganze Spuk vorbei, es gab Entwarnung. „Augsburg atmet auf” vermeldeten die Presseagenturen. 
Während sich die Mehrheit mit den Sprengmeistern, Polizisten, Feuerwehrmännern und Politikern in „Friede, Freude, Eierkuchen” übte, wurden auch kritische Stimmen laut. Auf die Frage, warum diese Aktion ausgerechnet am Ersten Weihnachtsfeiertag durchgeführt wurde, gab es eine wahrscheinlich ehrliche, doch nicht ganz zufriedenstellende Antwort. Weil an einem Wochentag die Geschäfte offen haben, die Menschen zur Arbeit müssen, der vorweihnachtliche Konsumrummel nicht gebremst werden soll, der Tanz ums Goldene Kalb nicht stocken darf, dem schnöden Mammon alles geopfert werden muss. Es fehlte der Mut, die Geschäfte einen Tag geschlossen zu halten und den Leuten als Entschädigung für die vielen Umstände einen Tag frei zu geben. Zu solch einer großzügigen Geste mochte sich aber keiner durchringen. Es war einfacher, tausenden von Menschen das Weihnachtsfest zu versauen und ihnen einen Feiertag zu stehlen. 
Heute liegt die entschärfte Bombe bis zum Abtransport hinter meterhoch aufgetürmten Sandsäcken. Zwei Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma stehen sich direkt am Bauzaun in der Kälte die Füße platt. Auf der anderen Straßenseite sitzt ein Polizeibeamter gemütlich im kuschelig warmen, bunt lackierten Streifenwagen.

1 Kommentar:

Magia da Inês hat gesagt…

✧ه° ·.

Que o menino Jesus faça morada no seu coração
em todos os dias de 2017!


FELIZ ANO NOVO!!!