Dienstag, 1. November 2016

Taormina

Taormina liegt im Nordosten Siziliens an der Küste des Ionischen Meeres. Die Ortschaft hat eine lange Geschichte. Schon vor der Kolonisation durch die Griechen lebten hier Sikeler, die die Stadt vor mehr als dreitausend Jahren gründeten. Im Laufe der Zeit regierten hier viele Herren verschiedener Völker: Römer, Sarazenen, Araber, Normannen, Spanier und viele andere. Heute lebt das knapp elftausend Einwohner zählende Taormina hauptsächlich vom Tourismus, der hier wegen des milden Klimas auf eine längere Tradition zurückblicken kann. Johann Wolfgang von Goethe war schon 1787 hier, die österreichische Kaiserin Elisabeth 1866, der letzte deutsche Kaiser Wilhelm III., der Komponist Richard Strauss, die Schriftsteller Ernest Hemmingway, D. H. Lawrence, Oscar Wilde und Thomas Mann. Mitte des vergangenen Jahrhunderts gesellten sich auch Filmschauspieler wie Greta Garbo, Marlene Dietrich, Elisabeth Taylor oder Cary Grant dazu, die viele andere Künstler und Prominente in den Ort lockten. Nahezu eineinhalb Millionen Menschen besuchen alljährlich Taormina.
Das Stadtbild wird von Kirchen und Palästen aus verschiedenen Epochen, alten Gemäuern und Relikten aus der Antike geprägt. Besonders erwähnenswert ist dabei das Teatro Greco, ein von den Römern errichteter Bau, der über einem griechischen Theater errichtet wurde. Dort finden auch heute noch kulturelle Veranstaltungen statt. Schon von weitem sieht der an einer steilen Hanglage liegende Ort idyllisch aus, Serpentinen führen hinauf auf den Monte Tauro ins Zentrum. Das Herz Taorminas pulsiert auf dem Corso Umberto, einer Flaniermeile zwischen den alten Stadttoren Porta Messina im Norden und Porto Catania im Süden. Hier herrscht buntes Treiben. Zwischen den historischen Bauwerken säumen Restaurants, Cafes, Gelaterias, Souvenirläden und allerhand andere Geschäfte die Fußgängerzone. Mittelpunkt ist die Piazza IX. Aprile, ein zum Meer hin offener Platz mit den Wahrzeichen Taorminas: die Kirchen San Agostino und San Giuseppe sowie der Torre dell’Orologio, ein Torturm aus dem 12. Jahrhundert, der seit 1679 mit einer Uhr ausgestattet ist.
Der Stadtgarten Giardino Pubblico oder auch Parco Duchi di Cesarò genannt, liegt unterhalb des Teatro Greco. Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts nach englischem Vorbild angelegt. Ehemals im Privatbesitz der englischen Adeligen Florenz Trevelyan, umfasst der Park eine Fläche von rund drei Hektar. Alte Olivenbäume, Palmen und eine exotische Pflanzenvielfalt bilden diesen wunderschönen Garten, der eine unendliche Ruhe ausstrahlt. Eine Promenade bietet einen atemberaubenden Panoramablick auf die Küste. Hecken aus Rosmarin und pinkfarbene Bougainvillea umgeben geometrisch angelegte Beete und Rasenflächen. Zwischen der farbenprächtigen Blütenpracht stehen Bänke, die zum Verweilen einladen, um die unendliche Weite des Meeres zu genießen. Hibiskus und Blumenrohr leuchten in exotischen Farben, hunderte kleine weiße Jasminblüten verströmen einen betörenden Duft. Inmitten der üppigen, mediterranen Bepflanzung befindet sich ein Kriegerdenkmal nebst Utensilien, kleine Tempel und Skulpturen sowie einige Ziegelbauten im viktorianischen Stil, die zur Beobachtung von Vögeln errichtet wurden.
Unten im Ortsteil Mazzaro befindet sich ein Badestrand, der über steile Treppen oder mit einer Seilbahn erreicht werden kann. Hier können sich Sonnenhungrige und Wasserratten auf dem steinigen Untergrund niederlassen oder eine Liege mit Schirm mieten, im Meer baden und sich eine Massage gönnen. Im Cafe wird zum Espresso weiches Mandelgebäck gereicht. In der Bucht liegt die Perle des Ionischen Meeres, Isola Bella, eine kleine Insel, die nur durch Waten im knietiefen Wasser über eine Sandzunge zu erreichen ist. Das kleine Eiland wurde 1998 vom WWF zum Naturschutzgebiet erklärt, da hier einige seltene Tier- und Pflanzenarten zu finden sind. Die Flora und Fauna bildet einen Mix aus mediterranen und tropischen Pflanzen, die von der ehemaligen Eigentümerin Signora Travelyan importiert worden waren. Als letzte private Besitzer erwarben die Gebrüder Bosurgi 1954 die Insel und errichteten auf ihr ein Haus, um dort zu wohnen. Sie waren Inhaber einer Firma, die Essenzen aus Zitrusfrüchten verarbeitete. Während dieser Zeit war Isola Bella ein Treffpunkt diverser Unternehmer und Schauspieler, die dort ihre Feste feierten. Als das Unternehmen 1990 pleite ging, wurde die Insel von der Regione Siciliana aufgekauft. Gegen einen Eintrittspreis von vier Euro kann der nördliche Teil, das Museo Nuturalistico, besichtigt werden.
Hoch über Taormina auf dem Gipfel des Monte Tauro liegt das malerische Bergdorf Castelmola, das über eine steil aufsteigende Serpentinenstraße erreicht werden kann. Das gut eintausend Einwohner zählende Nest wurde bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Sikelern gegründet, mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Noch bis 1947 gehörte die Gemeinde zu Taormina. Von hier oben bietet sich ein unvergesslicher Ausblick auf die darunterliegende Stadt, die Bucht von Naxos bis nach Sant Alessio Siculo, das weite Meer und im Norden, soweit es sich nicht gerade hinter den Wolken verbirgt, das über allem thronende gigantische Massiv des Rauch speienden Ätna. Im Ort selbst sticht das Kastell aus dem Mittelalter sowie die Kirche San Giorgio an der Piazza Antonio sofort ins Auge. Das Zentrum ist für Autos und Vespas gesperrt und sorgt so für eine ausgesprochen ruhige und angenehme Atmosphäre. Es gibt mehrere kleine Geschäfte, einige Restaurants, Bars und Cafés in den verwinkelten Gassen, in denen tagsüber Künstler ihre Werke zur Schau stellen. Die Spezialität von Castelmola ist der Mandelwein Vino di Mandorla, von dem man behauptet, dass das Orginalrezept hier erfunden wurde.
Knapp zwanzig Kilometer von Taormina entfernt, kurz vor Francavilla di Sicilia, trifft man auf eine einzigartige Laune der Natur, die Schlucht Gole dell’Alcantara. Sie ist bis zu zwanzig Meter tief und knapp fünf Meter breit. Ein Lavafluss des Ätna blockierte einst den Alkantarafluss und zwang so das Wasser, sich im Laufe von tausenden von Jahren durch die erkaltende basaltische Lava, die zwar siliziumarm aber reich an Eisen, Magnesium und Kalzium ist, zu fressen. Dadurch entstanden seltsam und bizarr anmutende Formationen im Gestein. Charakteristische Merkmale sind die vielen prismischen, fünf- und sechseckigen Säulen. Gegen eine kleine Gebühr gelangt man über Treppen in den tiefer gelegenen Naturschutzpark. Für Gehfaule steht auch ein Aufzug parat. Hier ist es oberstes Gebot, keinen Müll zu hinterlassen, auf Sonnencreme und kosmetische Produkte zu verzichten, kein Feuer anzuzünden und kein Picknick zu veranstalten. Außerdem ist das Anfassen oder gar Pflücken von Pflanzen untersagt. Das Wasser ist kalt, die Felsen sind rutschig und es besteht Steinschlaggefahr. Beim Wandern im diesem botanisch-geologischen Park sind Vorsicht und Respekt angesagt.
Nördlich von Taormina erhebt sich bis auf über 3300 Metern Höhe der größte Vulkan Europas, bei uns allgemein bekannt als Ätna, von den Sizilianern jedoch oft auch liebevoll Mongibello genannt. Das rauchspeiende Ungetüm ist bei sehr klarem Wetter weithin sichtbar, meist jedoch ganz oder teilweise in Wolken gehüllt. Es verwundert nicht, dass in der griechischen und römischen Mythologie der Berg als Arbeitsstätte der Kyklopen angesehen wurde, die hier dem Gott Hephaistos bei seiner Schmiedearbeit halfen. Ausbrüche des Vulkans sind nicht selten, die letzte größere Eruption ereignete sich erst im Dezember vergangenen Jahres, als der Vulkan eine Lavafontäne und glühendes Gesteinsmaterial in die Luft schleuderte. Trotz allem ist der Ätna touristisch sehr gut erschlossen. So gibt es zum Beispiel das Rifugio Etna-Nord auf gut 1800 Metern Höhe. Die Fahrt hinauf beeindruckt. Hier sieht man die erkalteten Lavaströme, die bei einem Ausbruch im Jahre 2002 heruntergeflossen waren und das Touristenzentrum komplett zersörten. Man sieht gößere und kleinere Gesteinsbrocken, die ganze Umgebung ist schwarz. Nur sehr spärlich beginnt die Pflanzenwelt sich wieder anzusiedeln. Dicker Nebel hängt in der Luft, es nieselt und ist bitterkalt. In einer Hütte wird Fuoco del Vulcano angeboten, ein Likör mit einem Alkoholgehalt von siebzig Prozent.
Knapp vierzig Kilometer von Taormina entfernt am Fuße des Ätna liegt Castiglione de Sicilia. Schon von Weitem fällt es auf wie es idyllisch in den Bergen liegt. Der Ort wurde vor über zweitausendfünfhundert Jahren von vertriebenen Einwohnern aus Naxos gegründet. Sie war griechische Kolonie, später arabische Festung und im frühen Mittelalter die Königsstadt der Normannen. 1943 verübten deutsche Soldaten und SS-Angehörige nach einem kleineren Zwischenfall ein Massaker an der Zivilbevölkerung. An die Toten erinnert heute eine Gedenktafel am Rathaus. Früher diente das gut dreitausend Einwohner zählende Städtchen als Aussichtspunkt, von dem die einzige Straße ins Zentrum Siziliens überwacht wurde. Römer hatten Brücken gebaut und Araber hinterließen ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. Leinenstoffe wurden verarbeitet, die Stickereien aus Castiglione de Sicilia waren weltbekannt, eigene Münzen wurden geprägt, sogar Krokodile wurden gezüchtet. Kunstvolle Prachtbauten wie die Basilica della Madonna Catena, das Castello di Lauria oder das Wahrzeichen, der Wachturm Cannizzu entstanden. Doch Korruption, Vetternwirtschaft und die Mafia trieben das Städtchen in die Pleite. Heute prägen Ruinen und halb verfallene, zum Teil einsturzgefährdete Gebäude das Stadtbild. Der Ort scheint verarmt, vergessen und fast ausgestorben. Es ist erschreckend und niederschmetternd zugleich, wie die historisch wertvollen Gebäude dem Zerfall preisgegeben werden.
In Taormina gibt es eine Vielzahl von Festen und Feierlichkeiten, die entweder einem Ereignis oder einer Heiligen beziehungsweise einem Heiligen zuzuordnen sind. Einige dieser Ereignisse gehören zu sehr alten Traditionen, die seit Jahrhunderten gepflegt werden. Sehr bekannt sind die farbenprächtigen Karnevalsumzüge im Februar, die Sagra del Costume e del Carretto Siciliani, das Fest der Sizilianischen Karren von Ende April bis Ende Mai, das Taormina Film Festival im Juni, Umzüge zu Ehren des San Pancrazio während der Festa Patronale di San Pancrazio im Juli, die internationalen Festspiele Taormina Arte mit Oper, Konzerten, Ballettaufführungen, Filmen und Theatervorstellungen in den Sommermonaten oder die religiöse Prozession mit der Statue der Madonna della Rocca im September. Wer etwas Glück hat, erlebt auch außerhalb besonderer Festtage einen Umzug. So auch am vergangenen Sonntag, als Blasmusikkapellen, Trommler, Tänzer und Tänzerinnen, Gebirgsjäger und Fahnenschwenker in farbenprächtigen Kostümen über den Corso Umberto marschierten und ihr Können zum Besten gaben.
Pizza und Pasta scheinen in Taormina die Grundnahrungsmittel zu sein. Dabei gibt es viele interessante Kreationen, oft einfach in der Zubereitung, doch immer schmackhaft. Vieles kennen wir bereits aus den unzähligen italienischen Restaurants hierzulande. Typisch sizilianisch sind die Arancini, gefüllte und frittierte Reisbällchen in konischer Form, die an die türkischen İçli Köfte oder die syrischen Kibbeh erinnern. Die bewegte Geschichte Siziliens spiegelt sich in der heutigen Küche wider. Mit den Griechen kamen Oliven, salziger Ricotta, Honig und Wein auf die Insel, die Römer begannen Hartweizen anzubauen und stellten erstmals eine Art Speiseeis her, die Araber führten Reis, Zitrusfrüchte, neuartige Gewürze, Zucker, Mandeln und Marzipan ein, von den Normannen übernahm man die Zubereitung von Stockfisch und Rouladen, die Spanier brachten neben neuen Gemüsearten wie Tomaten, Auberginen und Paprika auch das Wissen zur Herstellung von Schokolade mit. Ein wesentlicher Bestandteil der sizilianischen Küche sind außerdem Gebäcke und Süßwaren wie zum Beispiel die Cannoli, gefüllte Teigrollen mit Ricotta. Als Vitaminspender bieten sich leckere Kaktusfeigen an, ein bei uns eher unbekanntes Obst. Etwas ganz besonderes ist der Wein, der unter der Sonne Siziliens an den Hängen des Ätna gereift ist. Nero d’Avola etwa oder der Etna Rosso von Murgo mit seinem dunklen Rot, dem kräftigen Geschmack und seiner leicht samtigen Note. Neben einer Vielzahl von Likören darf der Vino di Mandorla, ein echt sizilianischer Mandelwein, nicht unerwähnt bleiben. 
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Kommentare:

Magia da Inês hat gesagt…


Maravilhosa foto reportagem.
Ótima semana com tudo de bom!!!
♫♬♪ه° ·.

rudi hat gesagt…

Till in Taormina Nervenruh...