Montag, 26. September 2016

Am Rande der Nacht

Meine Stube und diese Weite, 
wach über nachbetendem Land, - 
ist Eines. Ich bin eine Saite, 
über rauschende breite
Resonanzen gespannt.

Die Dinge sind Geigenleiber, 
von murrendem Dunkel voll; 
drin träumt das Weinen der Weiber, 
drin rührt sich im Schlafe der Groll 
ganzer Geschlechter..... 
Ich soll 
silbern erzittern: dann wird 
Alles unter mir leben, 
und was in den Dingen irrt, 
wird nach dem Lichte streben, 
das von meinem tanzenden Tone, 
um welchen der Himmel wellt, 
durch schmale, schmachtende Spalten 
in die alten 
Abgründe ohne 
Ende fällt...

(Rainer Maria Rilke, 12.01.1900)

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