Sonntag, 26. Juni 2016

Potemkinsches Rathaus

„Als Potemkinsches Dorf wird etwas bezeichnet, das fein herausgeputzt wird, um den tatsächlichen, verheerenden Zustand zu verbergen. Oberflächlich wirkt es ausgearbeitet und beeindruckend, es fehlt ihm aber an Substanz”, steht im Lexikon. Diese Beschreibung passt zur Zeit auch auf das Augsburger Rathaus.
Stadtbaumeister Elias Holl errichtete den Profanbau von 1615 bis 1624. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude von britischen Spreng- und Brandbomben getroffen und fast komplett zerstört, nach dem Krieg wieder aufgebaut und ab 1955 wieder als Rathaus genutzt. In den Jahren 1980 bis 1984 erhielt die Fassade im Zuge umfassender Sanierungsarbeiten ihre nach historischen Unterlagen rekonstruierte, ursprüngliche Farbgebung wieder. Im Inneren des Renaissancebaus wurde der im Krieg vernichtete Goldene Saal originalgetreu wieder hergestellt. Zusammen mit dem Perlachturm ist das Augsburger Rathaus Wahrzeichen der Stadt. Aufgrund seiner historischen Bedeutung untersteht es der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. 
Seit das Augsburger Rathaus 1985 im Rahmen des 2000-jährigen Stadtjubiläums in alter Pracht wiedereröffnet wurde, ist nicht mehr viel passiert. Der Putz begann langsam zu bröckeln. Darum entschied man sich, die Außenseite ab April zu renovieren. „Ich mach' mich gerade hübsch für euch”, steht da in mehreren Sprachen zu lesen und „I'm getting a facelift”. Damit weit gereiste Touristen nicht vor einem hässlichen Gerüst stehen müssen und dasselbe womöglich auch noch fotografieren und als Augsburger Sehenswürdigkeit in aller Welt herumzeigen, hat man es hinter einer großen Plane, auf der die Fassade des Rathauses in Originalgröße aufgedruckt ist, versteckt. Die Arbeiten werden noch bis in den September hinein andauern. Dann wird aus dem potemkinschen wieder das Augsburger Rathaus.

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