Sonntag, 15. Mai 2016

Pfingsten

Während Sinn und Bedeutung von Weihnachten und Ostern bekannt sind und diese Feste selbst von Nichtchristen begangen werden, ist Pfingsten ein Stiefkind. Mit Pfingsten können viele Menschen nichts anfangen. Der Heilige Geist ist das unbekannte Wesen. Der Geist ist aber wichtig, und es muss mehr von ihm geredet werden. Der Geist gibt allen Würde und Rechte, unabhängig von Rasse, Nation, Gesundheit oder Einsatzfähigkeit. Der Geist verbindet Menschen in ihrer Verschiedenheit, Sprache, Kultur und Herkunft und ist Voraussetzung für die Formung der Menschheit in Solidarität, Einheit und Friede. Ohne diesen verbindenden Geist gibt es keine globale Menschheitsfamilie, sondern nur die Globalisierung des Kapitals, der Technik und der Informationen, die die Menschen nur bewerten und verwerten. Doch durch den Geist kann sich eine Kultur entwickeln, die zu Gerechtigkeit und Frieden beiträgt. Der Geist ist es, der die Wahrheit sucht und erkennt. 
Gegenwärtig wächst eine globale Wirtschaft und mit ihr eine Massenkultur. Das Wachstumsprinzip heißt: Alle Menschen werden Kunden. Nur die Menschenrechte, die in aller Welt gelten, wachsen nicht. Die Welt wächst zusammen, aber nicht als internationale Rechtsgemeinschaft, nicht als interkulturelle Kommunikationsgemeinschaft, sondern als Konsumgemeinschaft in einer globalen Marktkultur. Man wünschte sich einen anderen, einen menschenfreundlicheren Geist. Stattdessen erhebt sich ein Ungeist. Er braust noch nicht, aber er weht schon kräftig. In Europa ist Antipfingsten angebrochen. Die Engländer besinnen sich auf ihr Englischsein, die Schotten auf ihr Schottischsein, die Ungarn auf ihr Ungarischsein, die Österreicher auf ihr Österreichischsein, immer mehr Deutsche auf ihr Deutschsein. Der europäische Geist verliert Kraft. Das pfingstliche Europa, das Europa des Wir-Gefühls in Sicherheit und Recht zerbröckelt in der Flüchtlingskrise. Das große Wir zerlegt sich in immer kleinere Wirs.
Die Jünger des hingerichteten Jesus hatten sich fünfzig Tage lang ängstlich versteckt. Auf einmal wurden sie wie aus dem Nichts von einer Inspiration, einer Geisteskraft ergriffen, die wie ein Sturm über sie kam. Die Männer waren nicht gebildet, keine Künstler, keine Politiker, keine Diplomaten, sie waren auch nicht sprachenkundig. Aber nun sprachen sie zu einer Menschenmenge aus aller Herren Länder, und es geschah etwas, was diese Geschichte so wundervoll macht: Jeder hörte diese Männer in seiner eigenen Sprache reden. Sie sprachen in anderen Zungen, heißt es. Es ist nicht so, dass der Geist ihnen schnell Fremdsprachen eingetrichtert hätte, sie hatten vielmehr die Gabe, über alle Sprachbarrieren hinweg Menschen aller Nationen und Kulturen zu erreichen. 
Ein Idealbild von Globalisierung wäre, wenn alle ihre Eigenheiten behalten würden und trotzdem verschieden blieben. Es gäbe ein gemeinsames Verständnis, einen gemeinsamen Geist, aus dem ein Wir-Gefühl entstünde. Die Gemeinschaft, die dann geboren werden würde, stände auf der Basis eines gemeinsamen Geistes, jenseits von Nation, Familie, Ethnie oder Klasse. In der Pfingstgeschichte wird eine Globalisierung propagiert, die nicht die Uniformierung der Welt ist, sondern Verständigung in der Verschiedenheit. Die neuere Globalisierungsgeschichte zeigt aber leider etwas ganz anderes: Unter feurigem Geglitzer weht ein trostloser Geist, der die Welt eintöniger macht. Das Spektakel ist nur Hülle der Allerweltsprodukte. Das vermeintlich Individuelle ist nur eine Spielart des ewig Selben.
Es ist kurios, dass sich der Abschottungs-Ungeist in Europa ausgerechnet als christlicher Geist aufbläst, der das christliche Abendland retten will. Die Fremden, heißt es, gehören nicht zu uns. Das neue Wir heißt jetzt: wir Franzosen, wir Polen, wir Tschechen, wir Deutschen. Das neue Wir zieht wieder Grenzen. Der europäische Geist verspießert. Die Identität des Menschen in der antipfingstlichen Variante gibt sich als etwas aus, das dem Ole in Oslo und dem Ali in Aleppo in die Wiege gelegt sei: Wir sind wir, und ihr seid ihr. Der europäische Atem bekommt den ekelhaften Mundgeruch des alten Nationalismus. Der kühne Gedanke jedoch, der hinter Pfingsten steckt, ist ein ganz anderer: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, denn ihr alle seid Eins.”

1 Kommentar:

Angelnette hat gesagt…

*✿ FROHES ✿ PFINGSTFEST ✿*