Montag, 21. Dezember 2015

Julmond und Lenzing

Bei den alten Römern begann das Jahr mit dem Monat März, der nach Mars, ihrem Kriegsgott benannt wurde. In diesem Monat war der Winter vorbei, die friedliche Zeit zuende und die Legionen wurden wieder an die Fronten geschickt. Daraus ergab sich, dass der heutige zwölfte Monat des Jahres der zehnte, also Dezember, war. 
Die alten Germanen nannten den Dezember „Julmond”, genannt nach dem Sonnenrad Jul, das sich bis in die heutige Zeit in Form von Adventskränzen bewahrt hat. Jul war das Fest der Wintersonnenwende. Große Feuer wurden entfacht, zauberkräftiges Julbrot, ein Gebäck in Form von Rädern, Schlangen oder Hörnern, gebacken, verschiedene Julbockrituale wurden abgehalten. Noch heute sind Ziegenbockfiguren aus Stroh besonders in den skandinavischen Ländern ein beliebter Weihnachtsschmuck.
Doch nicht nur geschmückte Nadelbäume und Tannenwedel, Weihnachtsplätzchen oder das Entfachen von Feuer, das heute durch brennende Kerzen symbolisiert wird, stammt aus jener heidnischen Zeit und hat sich bis in die Gegenwart erhalten, sondern auch der Brauch des Schenkens, der seinerzeit „Julklapps” hieß. Dabei wurden in aller Heimlichkeit Präsente in viele Lagen Jute eingewickelt, mit je einem Namen und einem Spruch versehen und am Festtag laut „Julklapp! Julklapp!” schreiend wahllos durcheinander mitten in den Raum geworfen. Im Zuge der Christianisierung wurden die Kulte rund um das Julfest vergebens bekämpft und verboten. Der Sonnenwendkult war im Bewusstsein der Menschen zu stark verankert. So wurde er um das Jahr 450 n.Chr. durch das Weihnachtsfest, in das die alten Bräuche integriert wurden, ersetzt.
Lenzing nannten die Germanen den März. Sie zogen nicht wie die Römer ins Feld, sondern feierten die Frühlingstag- und Nachtgleiche, ihre Göttinen Ostara und Iduna, das Erwachen der Natur. Hasen und Eier zu Ostern sind Überbleibsel aus jener Zeit, in der man es wahrscheinlich nicht für möglich gehalten hat, dass jahrtausende später im Julmond zur Zeit der Wintersonnenwende in Mitteleuropa frühlingshafte Temperaturen von mehr als zehn Grad über dem Gefrierpunkt erreicht werden, dass während des Abhaltens der Rituale rund um das zum Weihnachtsfest mutierte Julfest bereits die ersten Primeln und Schleifenblumen blühen. Es fehlt nur noch, dass man zu Weihnachten brennende Adventskränze anstatt altgermanischer Osterräder von den Bergen zu Tal rollen lässt. 
In Nervenruh's Garten ist die Saat der Bartnelken und Löwenmäuler bereits aufgegangen. Stachelbeere und Haselnuss treiben wie im Frühling. Die rötlichen Fliederknospen platzen fast.
Die haarigen Blätter des türkischen Riesenmohns sprießen in saftigem Grün der Sonne entgegen. Der etwas spät ausgepflanzte Rosenkohl entwickelt sich jetzt optimal und gedeiht prächtig. Der Rosmarin steht da wie im Sommer. 
Vielleicht sollten wir heuer zu Weihnachten eine Ostergans braten, die Geschenke verstecken, Lämmer statt Plätzchen backen und den Weihnachtshasen kommen lassen.

Kommentare:

Marie VonTagzuTag hat gesagt…

Schöne Fotos! So stimmungsvoll.
Mit liebem Gruß
Marie

Kath rin hat gesagt…

Unser Garten liegt im Winter eher schattig, so dass die Pflanzen so wie es sein sollte eine Ruhepause machen, aber, wenn es so weiter geht, wird auch hier alles frühzeitig austreiben. Das Wetter ist schon irre.
Sehr interessanter Artikel!

Frohe Weihnachten.

lg kathrin

Sara Mary Waldgarten hat gesagt…

Wahrhaftig, der Weihnachtsbaum ist eigentlich heidnischen Ursprunges - somit dürften wir Christen ihn - eigentlich - nicht nutzen. Aber so eng sehen wir das nicht! Einige Christen nehmen es allerdings schon sehr genau damit, denen kommt kein Weihnachtsbaum ins Haus.
Leider soll es ja bald etwas kälter werden. Meinetwegen hätten die teneriffianischenTemperaturen sich gern noch lange halten können. Warum sollen wir hier nicht auch mal was von dem Klima haben? ;-) :-) Ist ja auf Dauer ungerecht!

Liebe Grüße auch hier
Sara