Samstag, 7. Juni 2014

Friedberg

Bis vor gut zweihundert Jahren war der Lech die Westgrenze Bayerns. Noch heute hört man es an der Sprache der Einheimischen: Links wird schwäbisch gesprochen, rechts bayerisch. Von der Freien Reichsstadt Augsburg aus führte ein Weg nach Osten, wo längst eine Brücke über den reißenden Fluss errichtet worden war. Auf der anderen Seite liegt seit 1264 das bayerische Friedberg. Es wurde hüben wie drüben kräftig abkassiert. Der Stadtteil westlich des Lechs heißt heute noch „Hochzoll”.
Friedberg begeht seine 750-Jahr-Feier. Zeit, mal wieder nachzusehen. Zuerst rauf zur Burg, die jetzt Wittelsbacher Schloss heißt, und deren Innenhof mittlerweile nicht mehr mit echtem Kopfsteinpflaster bedeckt ist, sondern mit den üblichen Würfeln jeder halbwegs mittelmäßigen Fußgängerzone versiegelt wurde. Trotzdem ist das Ensemble immer noch einzigartig: Die eng verschachtelten Gebäude, die Arkaden, der Burgfried und die Reste des Baumes, dessen Wachsen ein wahrscheinlich unschuldig Hingerichteter prophezeit hatte.
Im Museum herrscht aus schleierhaften Gründen Fotografierverbot, doch der Eintrittspreis ist sehr günstig. Also nichts wie rein. Früher waren hier Folterwerkzeuge, Waffen und Ritterrüstungen ausgestellt. Jetzt gibt es viel über die Stadtgeschichte zu erfahren. Belegt durch frühgeschichtliche Funde, mittelalterliche Dokumente, Gemälde, Bilder und vergilbten Fotografien wird ein Rundgang zum Erlebnis. Vom Feinsten ist das zwischen 1754 bis 1768 kunstvoll gefertigte Fayence-Geschirr der Kurfürstlich privilegierten Porzellanmanufaktur. Vom Allerfeinsten sind die alten Uhren, kunstvolle Zeitmessgeräte für den Adel und gehobenen Bürgerstand in ganz Europa, die an die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts erinnern, als Friedberg eine Uhrmacherhochburg war. Wo die Folterinstrumente und Rüstungen hingekommen sind, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.
An einem sommerlichen Samstagnachmittag ist nicht viel los im Ort. Die Einwohner liegen in Scharen am Baggersee. Friedberg blieb im Zweiten Weltkrieg von Bombenangriffen verschont. Die Altstadt mit ihrer Mauer wurde in großen Teilen erhalten und ist zur Zeit schön herausgeputzt. Bei einem Spaziergang durch die Straßen, Gassen und Wege kann man die Geschichte atmen. Bisweilen Erstaunliches wird erlebt und erfahren: Vom abgebrochenen Kirchturm, einer Legende vom Köpferhaus, einem im letzten Moment geretteten Baumstumpf, von Frauen, die die totale Eskalation vermieden und und und...
Auf alten Zeichnungen und Skizzen sieht man oft die barocke Wallfahrtskirche Herrgottsruh. Damals lag sie noch abseits der Ortschaft. Heute führen mit Häusern gesäumte Straßen dorthin. Auf dem Friedhof liegt seit knapp zwanzig Monaten ein Freund. Da kommen andere Gedanken hoch, und mag die Kirche noch so prunkvoll ausgestattet sein.
Nach einem kurzen Abstecher zum Friedberger Baggersee beginnt der Rückweg auf der alten Straße, die über die Lechbrücke nach Hochzoll führt. Napoleon verschenkte 1806 das Schwabenland bis hinüber zur Donau vor Ulm, das Allgäu und die Freie Reichsstadt Augsburg an das Königreich Bayern. Seitdem ist der Lech keine Grenze mehr. Die Zollhäuser wurden abgerissen. Nervenruh durfte heute, am 7. Juni 2014, seinen Pass stecken lassen und konnte die Brücke gebührenfrei und kostenneutral passieren.
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