Donnerstag, 19. Juni 2014

Diedorf

Klar, Diedorf klingt fast so blöd wie Düsseldorf, hat aber wesentlich weniger Einwohner. In dem etwa fünf Kilometer westlich von Deuringen liegenden Ort an der Bahnlinie zwischen Augsburg und Ulm leben knapp zehntausend Menschen. Die viel befahrene B300 schlägt eine lärmende Schneise durch die ansonsten beschauliche Marktgemeinde. Ein steil und spitz aufragender Turm ist weithin sichtbar.
Das markanteste Zeichen Diedorfs erinnert von Weitem an ein Minarett. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man die vier angebrachten Uhren und das Kreuz auf der Spitze. Es handelt sich nämlich um den 76 Meter hohen Kirchturm der katholischen Herz-Mariä-Kirche, die nach Plänen des Mindelheimer Architekten Josef Ruf gebaut und 1967 eingeweiht wurde. Die Kirche erhielt ihren Namen, weil der Grundriss des Gebäudes dem eines menschlichen Herzens entspricht. Rufe von Rechtsradikalen, die sich über Landschaftsverschandelung beschweren, sind nicht zu hören. Das Geschrei wäre wohl groß, wenn derselbe Turm Teil einer Moschee wäre.
Der Turm der 1736 anstelle eines früheren Gotteshauses errichteten Kirche Sankt Bartholomäus ist ebenfalls prägend für das Ortsbild. Der alte Kirchturm mit seinem Untergeschoss aus spätromanischer Zeit blieb erhalten. In einem Obergeschoss des Turmes befinden sich Reste mittelalterlicher Fresken. Der Sakralbau mit seinem spätbarocken Innenraum ist seit der Einweihung der Herz-Mariä-Kirche meist verschlossen und nur noch zu bestimmten Anlässen geöffnet. Sankt Bartholomäus mauserte sich zu einer sehr beliebten Hochzeitskirche.
Im Sommer 1961 stieß man bei Kanalisationsarbeiten auf eine Gruft mit fünf Skeletten. Bei weiteren Erdarbeiten im Sommer 1988 entdeckte man in dieser Grabstätte noch weitere vier. Durch anthropologische Untersuchungen wurde festgestellt, dass hier vier Frauen, vier Männer und ein Knabe bestattet worden waren. Keine der Personen war älter als vierzig Jahre. Der ursprüngliche Auffindungsort liegt etwa sechzig Meter nordöstlich des jetzigen Standortes. Die Bauart des Grabes, das in der Zeit zwischen 700 und 750 nach Christus belegt wurde, stellt in Bayern eine Besonderheit dar. Sie wurde im Frühjahr 2006 durch die Marktgemeinde Diedorf unter Mitwirkung des Arbeitskreises für Vor- und Frühgeschichte des Landkreises Augsburg rekonstruiert und mit einer Glaspyramide überdacht.
Am Europaplatz befindet sich unter anderem ein Brunnen mit strahlenförmig angeordneten Entfernungsangaben zu befreundeten Orten. Auffällig ist das Bürgerhaus. Der gesamte Gebäudekomplex diente von 1873 bis 1968 als örtliches Schulgebäude. Heute sind ein Kindergarten, ein Bürgersaal mit Nebenräumen, ein Besprechungszimmer, Vereinsräume, eine Übernachtungsstätte mit dreißig Schlafplätzen und vier Wohnungen dort untergebracht.
Nicht weit davon entfernt liegt der Bürgerpark. Er ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Hier kann man die Seele baumeln lassen oder den Kreislauf beim Wassertreten im Kneippbecken anregen. Das leise Rauschen des kleinen Baches, die wunderschön gelegenen Weiher und sprudelnde Fontänen laden förmlich zur Rast ein. Gelegentlich finden Konzerte auf der Seebühne eines der beiden Weiher statt, die von den Gästen gerne besucht werden. Hier befinden sich auch ein Beachvolleyballfeld und ein Bouleplatz. Hinter dem Bürgerpark erstrecken sich die Anlagen des hiesigen Turn- und Sportvereins.
Die Lourdesgrotte ist ein Vermächtnis des Krankenpflegers Johannes Kraus. Er legte am Ende des 19. Jahrhunderts ein Gelübde ab, dass er, wenn er, selbst an Tuberkulose erkrankt, seinen pflegebedürftigen Grafen überlebte, zum Dank dafür eine Lourdesgrotte bauen lassen würde. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Als er im Jahr 1906 starb, verpflichtete er testamentarisch seine Erben zur Erbauung einer Lourdesgrotte in Diedorf. Sein Bruder Andreas beauftragte daraufhin einen fränkischen Grottenbauer, die Tuffsteingrotte zu bauen. Im September 1908 weihte der damalige Pfarrer von Anhausen die kleine Lourdesgrotte ein.
Das im Januar 2004 eröffnete Maskenmuseum ist mit seinen etwa sechstausend alten und authentisch getragenen Masken aus allen Weltkulturen international einmalig. Ausgestellt sind Stücke aus Holz, Knochen, Metall, Stoff, Leder, Schildkrötenpanzern, Korbgeflecht, Papiermaschee, Plastik, Gummi und sogar aus Yak-Dung. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt mit etwa dreitausend Masken auf alpenländischen Bräuchen und Mummenschanz. Das Museum ist in einem alten Bauernhaus untergebracht. An den Wänden hängen Hexen- und Dämonenlarven, Teufelsmasken und Gespensterköpfe. Der Betreiber des Museums, ein Kunstlehrer am Gymnasium, hat die Exponate zusammen mit seiner Frau jahrzehntelang auf Reisen zusammengetragen.
Die Sternwarte wird von einer amateurastronomischen Vereinigung betreut. Sie befindet sich auf dem Gelände der Grund- und Hauptschule. Sie wurde mit Unterstützung der Gemeinde, der Stadt Augsburg sowie Spenden aus der Bevölkerung errichtet und 1975 eröffnet. Die Teleskope sind in einer einhundert Quadratmeter großen Beobachtungsplattform mit Schiebedach untergebracht. Außerdem wurde ein Planetarium eingerichtet, bei dem der Sternenhimmel nicht projiziert, sondern mittels Leuchtdioden dargestellt wird. In der Nähe des Gebäudes stehen Teilstücke der Berliner Mauer. Unterhalb des Geländes befindet sich die Schmuttertalhalle. Seit ihrer Einweihung im Frühjahr 1992 ist sie in ihrer Funktion als Dreifach-Turnhalle mit Mehrzwecknutzung ein beliebter Treffpunkt für Sport und Kultur.
Am 26. September 1853 wurde der durch Diedorf führende Abschnitt Augsburg–Dinkelscherben der Bahnstrecke Augsburg–Ulm als Teil der Bayerischen Maximiliansbahn eröffnet. Am 1. Mai 1854 wurde schließlich die Gesamtstrecke von Ulm nach München fertiggestellt. Heute wird der zweigleisige Haltepunkt durch den Fugger-Express bedient, der jeweils im Stundentakt als Regional-Express von Ulm nach München und als Regionalbahn von Dinkelscherben nach München verkehrt. So besteht in die Landeshauptstadt ein halbstündlicher Schienentaktverkehr.
Zwischen Bahndamm und B300 steht die 1766 errichtete Kapelle Sankt Leonhard und Wolfgang. Der Bau wird dem Augsburger Hofbaumeister Iganz Paulus zugeschrieben. Die Fresken im Inneren schuf Fridolin Kohler, das Gemälde der Heiligen mit der Muttergottes ist eine Arbeit von Franz Joseph Maucher. Leider ist das Grundstück von einem Zaun umgeben und kann nicht ohne Weiteres betreten werden. In unmittelbarer Nachbarschaft des Eukitea-Theaters an der Lindenstraße befindet sich eine evangelische Kirche. Sie wurde im modernen Stil als transparenter Rundbau mit viel Glasflächen erbaut und am 4. Dezember 2005 eingeweiht.
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