Dienstag, 11. Februar 2014

Gundremmingen

Das Wappen von Gundremmingen zeigt eine Zinnenmauer mit Torturm und ein Atomsymbol. Damit ist über die Vergangenheit und die Gegenwart der Gemeinde im schwäbischen Landkreis Günzburg schon viel erzählt. Auf dem Gebiet der Ortschaft sind Reste eines römischen Kastells, dem sogenannten Bürgle, nachgewiesen. Es wurde südlich der Donau zur Grenzsicherung errichtet, nachdem Alemannen mehrmals gelungen war, die durch den Limes markierte römische Nordgrenze zu überrennen. Das Bürgle war Teil der spätrömischen Grenzsicherung in Raetien. Im 4. Jahrhundert wurde es durch eine Brandkatastrophe zerstört. Heute ist nur noch ein mit Bäumen und Gestrüpp überwucherter Hügel zu sehen.
Durch den Bau des Kernkraftwerks änderte sich die Struktur des Ortes radikal. Ursprünglich sollte es in Bertoldsheim gebaut werden, doch infolge von Einsprüchen wurden diese Pläne aufgegeben und der neue Standort im schwäbischen Gundremmingen gewählt. Ein dort aufflackernder Protest von Bauern aus der Umgebung wurde nach Inaussichtstellung finanzieller Vorteile innerhalb weniger Monate zum Verstummen gebracht. Deutschlands erstes Großkernkraftwerk war 1962 beantragt und noch im selben Jahr genehmigt worden. Nach vierjähriger Bauzeit ging der Meiler ans Netz. Damit stieg der Bekanntheitsgrad Gundremmingens und sein zweifelhafter Ruf.
Das Dorf war über Jahrhunderte hinweg bäuerlich geprägt. Nun flossen Millionen und Abermillionen in die bislang recht klamme Kasse der Kommune. Die mittelalterliche Anlage der katholischen Pfarrkirche Sankt Martin, die im 18. Jahrhundert erweitert, nach und nach im barocken Stil ausgestaltet und 1855 nach byzantinischem Stil restauriert wurde, kam in den Genuss einer kompletten Innen- und Außenrenovierung mit allem Drum und Dran. Es wurde ein neues Rathaus, ein Gemeindezentrum, ein Schulhaus, ein Kulturzentrum, eine Sternwarte, eine Turnhalle, ein Areal mit Sportheim und Traglufthalle und vieles mehr errichtet. Die Vereine blühten auf. Es roch nicht, es stank nach Geld.
Immer wieder traten Zwischenfälle auf. So auch 1975, als zwei Arbeiter ums Leben kamen. Die Schlosser hatten zwei Ventile reparieren sollen. Dabei war explosionsartig ein radioaktives Dampf-Wasser-Gemisch ausgetreten, das die beiden Handwerker tödlich verbrühte. Zwei Tage später fand eine Untersuchung auf Radioaktivität statt. Bei der Obduktion wurden Leichenteile abgetrennt, die sterblichen Überreste verbrannt, in Zinksärge eingelötet und als klinischer Abfall im Salzstock Asse versenkt. Die Angehörigen durften die Verstorbenen nicht mehr sehen.
Kein Plakat, keine kritische Stimme, keine Anti-AKW-Bewegung, nicht einmal ein kleiner Aufkleber. Nichts weist darauf hin, dass der Großteil der bundesrepublikanischen Bevölkerung gegen eine Energiegewinnung durch Kernkraft ist. Alles ist peinlichst sauber. Im Rathaus sitzen CSU und Freie Wähler. Die Bürger Gundremmingens haben die Allgegenwärtigkeit der Gefahr aus ihrem Bewusstsein verbannt. Blicken sie vom Berg aus über das Dorf, scheint es, als sähen sie die dampfspeiende Kernkraftwerksanlage gar nicht. Sie wird ausgeblendet. Unten, in einem kleinen Waldstück nahe der Kühltürme, hat sich ein Biber am Ufer eines kleinen Bachlaufs fleißig an den umstehenden Bäumen zu schaffen gemacht. Die Leute schauen angewidert auf sein Werk und schütteln empört die Köpfe.
Block A wird seit über dreißig Jahren zurückgebaut. Nachdem es zu einem Unfall mit wirtschaftlichem Totalschaden kam, wurden kontaminierte Gase und radioaktives Wasser unter behördlicher Aufsicht ins Freie geleitet. Womöglich waren deswegen kurz zuvor die Grenzwerte erhöht worden. Der Astrophysiker Peter Kafka vom Max-Planck-Institut in Garching wies darauf hin, dass in einem Gebiet östlich des Kernkraftwerks die Missbildungen bei Kindern nahezu doppelt so hoch gewesen seien wie im Landesdurchschnitt. Eine Studie des des Mainzer Kinderkrebsregisters beweist eine um 60% erhöhte Krebsrate und ein 120% erhöhtes Leukämie-Risiko für Kinder unter fünf Jahren. Dagegen kommt ein Gutachten der Kraftwerksbetreiber zu dem Schluss, die Sterblichkeitsrate im Landkreis sei schon immer erhöht gewesen und die Ursache wohl eher in der Lebensweise der Bevölkerung zu suchen.
Quo vadis, Gundremmingen? Der Atomausstieg ist beschlossene Sache. In absehbarer Zeit werden deine Reaktoren nicht mehr laufen und die sprudelnde Geldquelle versiegt. Mindestens dein Zwischenlager wird dir vorerst bleiben. Du wirst von einem bescheidenen Glück reden können, wenn es sich nicht zu einer ungeplanten Endlagerstätte entwickelt. Dein Monster wird noch sehr lange deine Landschaft verschandeln und deine skrupellosen Bauern werden versuchen, ihr Gemüse, das auf deinen verstrahlten Äckern wuchs, zu einem billigen Preis in den Kreislauf des Handels zu mogeln. Die Geldsäcke werden verschwinden und die Ehrlichen werden dich verlassen.
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Kommentare:

Amang Berangas hat gesagt…

Wow..really I like your pic..

Magia da Inês hat gesagt…

·.°•.¸♡♡

Triste realidade, é o preço que pagamos pelo progresso ganancioso!

✿彡 ♫°Bom fim de semana!
Beijinhos.¸.•°✿✿⊱
°•.¸♫♬° ·.Brasil