Montag, 15. Juli 2013

Oberlehrer

Nervenruh fiel fast vom Hocker. Am 12. Oktober vergangenen Jahres maßte sich die Vorstandsriege des Obst- und Gartenbauvereins an, durch die Gartenanlage zu schreiten, äußerst subjektiv die Parzellen zu beurteilen und oberlehrerhaft jedem Einzelnen ein „Zeugnis” auszustellen. Nervenruh's Zensuren lagen nun kürzlich im Briefkasten. „Das ging aber flott”, mag da so mancher denken, doch man muss Verständnis aufbringen, denn Vorstandsmitglieder sind schließlich keine Rennpferde. Dass die Bewertungen erst nach den turnusgemäß stattfindenden Neuwahlen ausgeteilt wurden, ist sicher reiner Zufall. 
Nervenruh ist Autodidakt. Er hat den Garten betreffend keine Ausbildung irgendeiner Art. Er legte vor Jahrzehnten einfach los, tauschte sich mit Gleichgesinnten aus, informierte sich bei den Profis und las viele Bücher. Am meisten beeindruckt war er von der Gärtnerei des Gunter Steinbach. Diese hat Nervenruh im Laufe von mittlerweile rund dreißig Jahren immer mehr verinnerlicht. Steinbach stellt einen natürlichen Kreislauf in seinem Garten her, der es ermöglicht, ohne Gift und Chemie auszukommen. Er bezieht die gesamte Flora und Fauna mit ein. Das Werden und Vergehen in einem Garten gibt es nämlich auch ohne Baumarkt und Gartencenter. 
Die Deuringer Kleingärten waren immer schön anzusehen. Die Pächter haben verschiedene Vorstellungen, und so entstand eine reizvolle Vielfalt im Gegensatz zu dem Einheitsbrei, den besonders in neuerer Zeit angelegte Anlagen bieten. Doch auch in Deuringen verschwindet diese Vielfalt nach und nach. Ein Beispiel dafür sind die Gartenhäuschen, die früher, da selbst gebastelt, vollständig verschiedene Kostruktionen waren und nun allmählich der langweiligen 08/15-Bauweise von Fertigteilhäusern aus den Baumärkten weichen müssen. Immer mehr Fertigprodukte, Plastik und Beton dominieren den Gesamteindruck. Auch ökologisches Gärtnern nach Art des Gunter Steinbach ist nicht mehr gerne gesehen. Wenn zum Beispiel Blumen stehen bleiben, bis sie ihre Saat ausgestreut haben oder im Herbst auf den abgeernteten Beeten die Wildpflanzen wuchern, um der Bodenerosion im Winter vorzubeugen, ist schnell von Verunkrautung die Rede. 
Doch Chemikalien, akkurat abgegrenzte Flächen und auf dem Beet kein Hälmchen zuviel, können nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wenn ein großer Teil der Pflanzenwelt in den Gärten nichts mehr zu suchen hat und ökologisches Gärtnern unmöglich gemacht wird, könnte man über kurz oder lang genauso gut zubetonieren. Dann würde nichts mehr stören, die oberlehrerhaften Vorstandsmitglieder könnten sich ihre unqualifizierten Bewertungen sparen und ihre Wähler, die gegängelten Kleingartenpächter, bräuchten sich nicht mehr wie kleine Schulkinder behandeln lassen.

Kommentare:

Susanne hat gesagt…

Sachen gibts`s...

Merci hat gesagt…

Es ist unglaublich wie wir uns alle bevormunden lassen müssen! Weg mit diesen Tyrannen!