Samstag, 6. April 2013

İstanbul im Frühjahr

Als Schwaben abermals mit Schnee bedeckt wurde, stieg ein Airbus der Turkish Airlines steil hinauf in die kalte Luft über den Flughafen Stuttgart. Die halbstaatliche Fluggesellschaft, seit 2011 zurecht jährlich als beste Europas ausgezeichnet, bietet an Bord freundliches Personal und überraschend gutes Essen. Ziel war der Atatürk Uluslararası Havalimanı in Istanbul, wo die Maschine pünktlich aufsetzte. Mit der Bahnlinie M1 ging es zunächst nach Aksaray, wo sich ganz in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle die Unterkunft befand. Es lag zwar kein Schnee, doch richtig warm war es in Istanbul auch nicht. Immerhin lag die Temperatur noch über 10°C. Zuerst ein Gläschen Çay, ab in die Tram und noch ein wenig durch Sultanahmet und Sirkeci gebummelt. Als es zu regnen begann, bot sich die Flucht in eines der unzähligen Restaurants an. Bei Adana Kebab, Salat und Efes Pilsener klang der Abend aus. Dann aber ab ins Hotel, das sogar Hausschlappen zur Verfügung stellte. Sobald der Muezzin verstummt, erklingt variantenreiches Schnarchen und es ist kaum zu glauben, welch ruhige Flecken es inmitten dieser turbulenten Metropole geben könnte.
Die Prophezeiung des Wetterberichts klang düster. Tatsächlich hingen dunkle Wolken über der Stadt. Der Frühling in Istanbul ist zwar unstet und launisch, doch der Große Basar bietet täglich bis 19 Uhr außer Sonntags ein Dach über dem Kopf, Schutz vor Wind und Wetter, buntes Treiben, ein exzellentes Warenangebot und Fotomotive am laufenden Band. Morgens haben die abergläubischen Händler noch keine Lust zu handeln. Sie wollen den Tag mit einem besonders guten Geschäft beginnen. In dem vor über fünfhundert Jahren errichteten Gebäude befinden sich über viertausend Läden. Man muss nichts kaufen. Man probiert, schaut, lauscht und riecht. Das Leben im Basar schärft die Sinne. Gegen Mittag laufen die Händler endlich warm. Nun kann ordentlich gefeilscht werden. Auch in der Gegend rings um den Kapalı Çarşı reiht sich ein Geschäft ans andere.
Wer auf der Ordu Caddesi von der alten Istanbuler Universität stadteinwärts schlendert, trifft in Çemberlitaş auf einen alten, sehenswerten Friedhof. Ganz in der Nähe befinden sich auch ein historischer Barbier und ein Hammam. Immer der Straße nach, vorbei an Blauer Moschee und Hagia Sophia, befindet sich fast schon unten in Sirkeci der Gülhane Park. Im Sommer ist er eine schattenspendende Oase. Doch nun, an einem kühlen Tag gegen Ende des Monats März, besticht er durch farbenprächtige Frühblüher, allen voran Hyazinthen und Tulpen. Ganz unten in Eminönü neben der Galatabrücke gibt es wie immer das leckerste Fischbrot der Stadt. Gegenüber steht die Yeni Cami, dahinter liegt Mısır Çarşısı, der Ägyptische Basar. In und um das L-förmig angelegte Gebäude werden neben Gewürzen und dem üblichen Schnickschnack auch Pflanzen, Saatgut und lebende Tiere wie Hühner, Hasen oder Tauben angeboten. Ganz in der Nähe befindet sich das Duran Cafe, in dem es hervorragenden türkischen Mokka und leckeres Baklava gibt. Die Zeit bleibt für diesen Moment stehen.
Die İstiklal Caddesi ist nie menschenleer. Weder in der Dunkelheit an einem gewöhnlichen Werktag noch bei nasskaltem Regenwetter. Wer den Aufstieg von Karaköy hinauf nach Beyoğlu vermeiden möchte, nimmt den Tünel. Die älteste Standseilbahn Europas überwindet seit 1875 unterirdisch einen Höhenunterschied von über sechzig Metern und entlässt seine ausgeruhten Fahrgäste an der Haltestelle einer historischen Straßenbahn in Richtung Taksim. Kaum regnet es, schießen fliegende Regenschirmverkäufer wie Pilze aus dem Boden. Hier ist weit und breit keine Moschee zu sehen. Im Zentrum des westlich geprägten Viertels gibt es etliche Kirchen wie die katholische Basilika St. Antonius. Am Taksim-Platz ragt gegenüber dem Denkmal der Republik, das nachts fast noch eindrucksvoller erscheint als tagsüber, ein Kreuz gen Himmel. Brunnen und Wasserspiele heitern selbst bei schlechtem Wetter auf. Musik gehört zu Beyoğlu. In den unzähligen Bars, Cafes und Pubs sind selbst zu dieser Jahreszeit Livedarbietungen nicht selten.
Sultanahmet Meydani, der Sultanahmet Platz, ehemals das alte Hippodrom, ist einer der wichtigsten Plätze in Istanbul. Rund um diesen Platz befinden sich die Blaue Moschee und die Hagia Sophia. Zur Zeit des Byzantinischen Reiches war dieser Platz eine Pferderennbahn. Heute sind nur noch wenige Zeugnisse dieser Anlage zu sehen: Ein Überrest des Opferaltars aus dem Tempel Apollon in Delphi in Form einer geschlungen Säule, der ägyptische Obelisk aus dem Tempel von Karnak in Luxor, ein aus Steinen aufgemauerter Obelisk, der ursprünglich den Wendepunkt der Rennbahn markierte und der 1901 eingeweihte Deutsche Brunnen. Gegenüber der Hagia Sophia befindet sich eine weitere Sehenswürdigkeit: Yerebatan Sarnıcı, eine spätantike Zisterne. Sie hat ein Fassungsvermögen von 80.000 Kubikmetern. 336 jeweils acht Meter hohe Säulen tragen das Gewölbe. Im Wasser der Zisterne sind etliche, zum Teil sehr helle bis weiße Fische zu beobachten. Im hinteren Teil sind umgekehrte Medusenhäupter zu sehen.
Für eine Tour mit einem der Doppeldeckerbusse darf ein stolzer Preis bezahlt werden. Doch so bekommt man in wenigen Stunden einen groben Überblick und viel Information. Das Ticket gilt für zwei Tage. Die Fahrt führt von Sultanahmed hinunter nach Sirkeci, über die Galatabrücke und dann am Ufer des Bosporus entlang: Karaköy, Tophane, Kabataş, Dolmabahçe. Ab Beşiktaş nimmt der Bus den Kurs zur Auffahrrampe der Boğaz Köprüsü. Der nördlichste Haltepunkt liegt auf der asiatischen Seite und wird nach Überquerung der ersten Bosporusbrücke erreicht. Es lohnt sich, in Beylerbeyi auszusteigen. An der Hauptstraße liegt ein unscheinbares Restaurant. Steigt man die Treppen hoch und betritt den Raum, befindet man sich urplötzlich im Wohnzimmer einer bürgerlichen türkischen Familie. Die Begrüßung ist herzlich und das Essen extrem gut. Es gab Hühnersuppe, Nudeltäschchen in Joghurtsoße, panierte Köfte, gefüllte Weinblätter, Kuchen und Tee - ein Gaumenschmaus erster Klasse! In Beylerbeyi gibt es außerdem alte Holzhäuser, einen schnuckeligen Fischereihafen und einen Palast, in dem 1935 die erste Weltfrauenkonferenz stattfand.
Der Weg von Karaköy hinauf zum Galataturm ist anstrengend, obwohl lediglich ein Höhenunterschied von knapp fünfzig Metern überwunden werden muss. Oben steht ein alter, siebenundsechzig Meter hoher, dicker Turm - Galata kulesi. Im Inneren wurde das Gebäude vor einiger Zeit renoviert. Zwei Aufzüge fahren hinauf zur Aussichtsplattform. Von oben bietet sich ein einzigartiges Panorama. Istanbul liegt dir zu Füßen. In der Kuledibi Sokak No. 14, wenige Schritte vom Galataturm entfernt, befindet sich der weltbekannte Nardis Jazz Club. Das Bilge Susar Quartet spielte auf. Für schlappe 20 TL rast spät in der Nacht ein Taxi durch sämtliche Schleichwege und Schlupfwinkel nach Aksaray. Streckenrekord!
Büyük Ada ist immer einen Besuch wert. Sie ist die größte der Prinzeninseln. Mehrmals täglich steuert ab Kabataş ein Linienschiff die Inselgruppe an. Die Route führt vorbei am Leanderturm hinüber nach Kadıköy und dann hinaus aufs Marmarameer. Wenn an Bord der kalte Frühlingswind weht und die Kabinen von der Sonne wie Treibhäuser aufgeheizt sind, die Heizung aber trotzdem im Wintermodus läuft, erinnert man sich an vergnüglichere Fahrten. Auf der Insel beherrschen Fußgänger, Radfahrer und Kutschen das Straßenbild. Sehr interessant sind die alten, nostalgischen Holzhäuser. Schön ist der Kiefernwald. Wer auf Büyük Ada nicht übernachten will, sollte das letzte Schiff nicht verpassen. Gegrillten Fisch gibt es auch an der Galatabrücke. Dort kann es abends aber vorkommen, dass es manchmal etwas lauter wird. Na und.
Es ist auffällig: In Istanbul hat die Tulpensaison begonnen. Zum alljährlichen Festival ließ die Stadt 14.420.000 Zwiebeln pflanzen. Das sieht man. In der Türkei gilt die Tulpe als Nationalblume. Vor allem im Emirgan Park, in dem 270 verschiedene Sorten gesetzt wurden, kann man den Anblick dieser wunderschönen Gewächse genießen. Emirgan liegt nördlich am Bosporus hinter der zweiten Brücke. Es kann per Bus ab der Straßenbahn-Endstation Kabataş erreicht werden. An sonnigen Tagen klettert das Thermometer auch um diese Jahreszeit schnell auf Werte um 20°C. Eine wunderbare Gelegenheit, die großflächigen, oft auch als Motive angelegten Pflanzungen zu bestaunen. Das fehlende Blau der Tulpen wurde durch Traubenhyazinthen ersetzt. Die Fahrt zurück ins Zentrum kann zum Geduldsspiel werden.
Am Wochenende, ganz besonders an lauwarmen Abenden, schieben sich gewaltige Menschenmassen durch die İstiklal Caddesi. Schlendert man gemächlich von Taksim bis hinunter nach Karaköy, erscheint das Treiben nach einiger Zeit unwirklich wie im Film. Noch einmal durch die Straßen und Gassen von Beyoğlu, vorbei an den Läden, Restaurants und Cafes. Beim Galataturm noch ein letzter Dürüm. Dann wartet schon das Flugzeug mit dem guten Service der Turkish Airlines. Bei der Landung in Stuttgart liegt Schnee.
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Kommentare:

Susanne hat gesagt…

Da hast du dir ja eine gute Reise gegönnt zum nichtvorhandenen Frühlingsanfang in Deutschland!!
Danke für die Einblicke ins Istanbuler Leben. Du scheinst dich schon sehr gut auszukennen und dich sehr wohl zu fühlen in dieser Stadt -- reist du ja öfter dort hin. Ich habe nur ein Foto der vielen Tulpen(Bilder) vermisst, dass an der Stelle im Text nach meinem Empfinden hätte folgen "müssen", machte die Beschreibung doch neugierig. Ansonsten finde ich es einen sehr gelungenen und informativen Reise-Bericht!

Kathrin hat gesagt…

Ich habe genau dasselbe Bild vom Medusa-Kopf vor ein paar Jahren gemacht. Ich glaube das ist Pflicht, wenn man diesen Ort besucht :)

Toller Bericht über Istanbul.

lg kathrin