Montag, 2. April 2012

Starengesänge

Der Star ist in unseren Gärten nach dem Sperling der am weitesten verbreitete Wildvogel. Er ist nicht nur ein Imitations-, sondern auch ein Gesangskünstler. Von einer exponierten Warte in unmittelbarer Nähe zur Bruthöhle gibt er mit gespreizten, flatternden Flügeln und gesträubtem Gefieder sein Repertoire zum Besten. Jetzt, zur Zeit der Damenwahl und Paarung, bemüht er sich ganz besonders. Der anhaltende, schwätzende Gesang besteht aus einer Vielzahl von ansteigenden oder abfallenden Pfeiftönen, Trillern, Knarr-, Zisch-, Schnalz- und Rätschlauten sowie den als „Spotten“ bekannten Nachahmungen von anderen Tierstimmen oder Geräuschen. Egal, ob Bussard, Heuschrecke, Hund, Frosch, Rasenmäher oder Klingelton - der Star zwitschert nicht einfach planlos vor sich hin, sondern reiht nach klar definierter Folge kompliziert aufgebaute, oft auch zweistimmige Motive aneinander.
Diesen Umstand machte sich vor Jahrzehnten womöglich auch der Künstler Kurt Schwitters zu eigen, als er von 1922 bis 1932 sein Lautgedicht „Ursonate“ komponierte. Augenzeugen berichteten, dass der Dadaist auch jenseits der Bühnen lautstark rezitierte. Das muss die Stare stark beeindruckt haben. Sie haben Schwitters Ursonate abgelauscht und wohl über Generationen hinweg von Star zu Star weitergegeben. Als 1997 der Berliner Konzeptkünstler Wolfgang Müller auf eine kleine norwegische Insel reiste, um dort nach den Überresten einer Hütte zu suchen, in der Schwitters seinerzeit seine Sommermonate verbrachte, dokumentierte er den Zustand der Behausung und den Gesang der Stare, den er auf CD pressen ließ. Dazu erhielt er von der GEMA eine Sondergenehmigung, um die Produktion als „Naturgeräusche“ anzumelden. Im Jahr 2000 konzipierte Müller für eine Berliner Galerie eine Ausstellung, bei der Fotografien von Schwitters Hütte und die Starengesänge präsentiert wurden. Daraufhin erhielt Müller einen Brief von der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH, die im Namen des DuMont Verlags das Werk von Kurt Schwitters vertritt. „Per Zufall haben wir durch einen Zeitungsartikel von Ihrer CD-Produktion erfahren, auf der Sie mit dem Geschrei von Vögeln die Ursonate des dadaistisch inspirierten Künstlers Kurt Schwitters intonieren.“ Es folgte die Bitte, dem Rechteinhaber mitzuteilen, von wem er die Genehmigung hierzu erhalten habe.
Die Ausweitung des Urheber- und Aufführungsrechts für Kunstwerke musikalischer und darstellender Art auf Stare findet Nervenruh äußerst prekär. Jahrtausende haben Menschen den Vögeln zugehört und deren Musik kopiert. Im Gegenzug imitieren heutzutage interpretationsbegabte Vogelarten - man denke nur mal an Papageien! - auch urheberrechtlich geschützte Werke, ohne vorher eine Genehmigung einzuholen.
Dürfen Vögel noch singen wie ihnen der Schnabel gewachsen ist? Oder...

1 Kommentar:

Kathrin hat gesagt…

Da fehlen einem die Worte :) Wir leben schon in einer lustigen Gesellschaft, oder?

lg kathrin