Mittwoch, 25. Januar 2012

Rhythmus des neuen Europa

Gerrit Engelke wurde am 21. Oktober 1890 in Hannover geboren. Sein Vater wanderte 1904 nach Amerika aus. Nach der Volksschule begann der spätere Arbeiterdichter eine Lehre und absolvierte die Gehilfenprüfung im Maler- und Lackierergewerbe. 1910, als Mutter und Schwester seinem Vater in die Neue Welt folgten, blieb er in Hannover, betrieb umfangreiche Mal- und Zeichenstudien und begann zu schreiben. Als nahezu Mittelloser führte er ein umfangreiches Bücherverzeichnis mit über vierhundert Bänden, heimste zwei Preise der Hannoverschen Kunstgewerbeschule ein, verkaufte Zeichnungen und Aquarelle an das Museum August Kestner und schrieb und schrieb. 1915 wurde er zum Militär einberufen, kämpfte an allen Fronten und starb dennoch in den letzten Kriegstagen am 13. Oktober 1918 in Frankreich in einem britischen Lazarett. Aus seinem Nachlass stammt der Gedichtband „Rhythmus des neuen Europa“, den Jakob Kneip 1921 bei Diederichs herausgab. Kostprobe:

Blut-Strom

Pochend, pochend, fort und fort
Treibt die Lebensgas-Maschine.
Pochend, pochend, fort und fort.
Treibt im Kreis die Herz-Turbine:
Durch das Lungen-Schwammgekräuse,
Durch des Hirnes Labyrinth-Gehäuse,
Durch die Leber-, Nieren-Schleuse,
Durch der Nährungs-Adern Vielkanäle:
Blutes roten Fluß. –
Weiter fließt der Fluß:
Schmilzt mit Lava-Glut die Aderschäle
Wellend, schwellend, fort und fort:
Springt als Ton: als Schrei, als Wort
In die Straßen-Dissonanz-Choräle,
Geht als Meter-Schritt auf Pflastersteinen,
(Tausendteiliger Druck von Allen Beinen)
Wächst als Arbeits-Griff, als Händedrücken
In das armgetürmte Steinhausblock-Gewirr,
Saust als Peitschenhieb auf Lastpferd-Rücken,
Schwillt als sichtbarwachsend Werk aus Werk-Geschirr.
Pochend, pochend, fort und fort
Treibt im Kreis die Kraft-Maschine,
Pochend, pochend, fort und fort
Treibt im Kreis die Herz-Turbine:
Blut durch Leib- und Stadt-Atom. – 

Fließt und fließt der warme Strom:
Fließt als Licht aus Bogenlampen:
Zischt als »Fertig-Pfiff« von Hochbahn-Rampen:
Schwerer Qualm aus Bahnsteighallen:
Kaufgeschwirr aus Warenhallen:
Stundenschall vom Kirchenturm:
Fließt als Wort vom Telefunken-Turm:
Wellend, schwellend, fort und fort. – 

Siebzehn blutdurchdrängte Straßen-Stunden
Voller Lärm und Arbeits-Drang,
Siebzehn rotdurchströmte Körper-Stunden,
Siebzehn Kreislauf-Stunden lang:
Pocht und treibt die Herz-Turbine. – 

Dann stellt die Alles-Hand
Die Saug- und Speimaschine,
Den Hebelschaft
Auf zehntel Kraft.
Es ruht das Kraftgewelle eine Nacht.
Doch früh beim Sechs-Uhr-Morgen-Pfiff
Verstellt die Hand mit großem Griff:
Das Herz- und Stadt-Getreib auf volle Macht.

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