Samstag, 2. Juli 2011

Frauenfußball

Anlässlich der Weltmeisterschaft erschienen in der Augsburger Allgemeinen des heutigen Tages zwei Artikel, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.
Zum einen handelt es sich um eine Randbemerkung unter der Rubrik „Sport“, die mit „Herzrasen ist anders“ überschrieben ist und von Andrea Bogenreuther verfasst wurde. Sie schrieb:
„Die Ruhe vor dem Sturm oder Desinteresse? Bemerkt eigentlich irgendjemand, dass WM ist? Am Morgen vor dem zweiten Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft herrscht in der Frankfurter Innenstadt, wo nach einem Werbeslogan ja das „Herz des Frauenfußballs schlägt“, irritierende Stille.
Herzrasen ist anders. Einen Infarkt muss hier niemand befürchten, knapp acht Stunden, bevor draußen im Stadion Silvia Neids Frauen auf Nigeria treffen.
Angesichts der späten Anstoßzeit haben es die Fans wohl vorgezogen, lieber vorzuschlafen als vorzuglühen. Auf der einzigen Fanmeile Deutschlands am Mainufer ist die Lage mehr als übersichtlich, die Kinderspielaktionen stoßen auf größeres Interesse als die Bars vor den drei schwimmenden Großbildleinwänden. Bleibt zu hoffen, dass sie am Abend noch von den Fußballanhängern gestürmt werden.
Auch unterm Meisterschafts-Balkon des Frankfurter Römers ist alles ruhig. Ruhiger als es sich der Chef vom „Ebbelwoi Fan Shop“ eigentlich wünscht. „Das Geschäft könnte besser gehen. Aber die FIFA hat keine Lizenzen vergeben“, sagt er, zuckt die Achseln und zieht eine Schachtel mit Feuerzeugen hervor. Seine einzigen offiziellen FIFA-Devotionalien, der Rest sind Billigprodukte: schwarz-rot-goldene Blumenketten, Kappen und Fahnen. Reibach ist mit der Frauen-WM offensichtlich (noch) nicht zu machen.
Der Kult ums Team hält sich in Grenzen – schon in Berlin und jetzt in Frankfurt. Auch bei der fünften Vorbeifahrt am Maritim-Hotel, der eleganten Herberge der deutschen Fußballerinnen, herrscht auf dem Vorplatz Leere – bis auf ein paar TV-Übertragungswagen. Immer noch kein Fan weit und breit. Ohne die orangefarbenen WM-Busse würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass hier mit Deutschland und Nigeria zwei WM-Teilnehmer logieren.
Vormittags verlassen die deutschen Spielerinnen unbehelligt und auch zum großen Teil unerkannt das Hotel, um auf der Zeil einzukaufen, mit Freunden oder Familie einen Kaffee trinken zu gehen oder wie die Frankfurter Nationalspielerin Ariane Hingst per U-Bahn einfach mal einen Koffer Wäsche nach Hause zu bringen. Als Beweis hat Bild gleich mal ein Foto von ihr, einsam auf einem Bahnsteig sitzend, mitgeliefert. Es wäre interessant zu wissen, ob Hingst das auch noch so unbemerkt schafft, wenn sie in gut zwei Wochen als frischgebackene Weltmeisterin am Bahnsteig stehen sollte.“
Zum anderen erschien etwas versteckt links unten auf der sechsspaltigen Seite „Die etwas andere Kolumne“, eine „Männer-Grätsche“ mit dem Titel „Ein Spiel in Zeitlupe“:
„Es gibt diese Taste auf der Fernbedienung einfach nicht. Beinahe eine Woche läuft die Suche schon. Erfolglos. Irgendwie muss die Zeitlupe doch wieder deaktiviert werden können.
Es wird das Geheimnis der TV-Anstalten bleiben. Die Zuschauer bewegen ihre Hände scheinbar in Normalgeschwindigkeit aufeinander zu, um den Spielerinnen aufmunternd zu applaudieren. Auf dem Spielfeld aber: Zeitlupe. Ein Spezialeffekt, wie man ihn aus Matrix kennt.
Für den Zuschauer hat das selbstverständlich durchaus Vorteile. Er verfolgt das Spiel so viel leichter. Könnte so auch technische und taktische Feinheiten besser erkennen. Wenn es welche geben würde.
Außerdem muss die lästige Toilettenpause nicht auf die Halbzeit verschoben werden. Beim Abschlag den Sessel verlassen, am Birgit-Prinz-Schrein vorbeischlängeln, WM-Maskottchen Karla Kick über den Kopf streicheln, Geschäft verrichten, am Kühlschrank vorbei, Bier aufmachen, wieder in den Sessel fallen lassen – und just in dem Moment auf den Fernseher schauen, wenn der Ball das erste Mal fünf Meter hinter der Strafraumlinie aufkommt.
Herrlich, wie Männer-Kreisliga im Fernsehen. Nur mit Brüsten.“
Übrigens: Das Foto schoss Nervenruh anlässlich eines Punktspiels der Kreisliga Augsburg 2 am 9. August 2009 auf dem Waldsportplatz. Es zeigt den saftigen Deuringer Rasen, die Beine eines Spielers des TSV Fischach und den Ball.

Kommentare:

Susanne hat gesagt…

Zur Zeit schauen wohl noch alle mehr oder weniger "heimlich" zuhause.
Es ist vielleicht noch nicht an der Zeit öffentlich zu jubeln, aber ein kleiner Anfang ist doch gemacht; viele sind begeistert und schauen gerne und voller Respekt. Da geht noch was!!

Harald hat gesagt…

Ich finde das scheinbare Desintresse sehr schade, denn die in den ersten Spielen gezeigten technischen Rafinessen vieler Spielerinnen sind netter anzuschauen als die der männlichen Kicker.