Sonntag, 14. Februar 2010

Die Dreigroschenoper

Am 112. Geburtstag Bert Brechts fand in der Stadthalle Neusäß eine Aufführung der Dreigroschenoper statt. Das weltbekannte Werk, eine ziemlich freie Interpretation der im 18. Jahrhundert von John Gay geschriebenen „Beggar’s Opera“, wurde vom „Theater an der Ruhr im Raffelbergpark“ vorgetragen.
Die eigenwillige Inszenierung von Roberto Ciulli, der in der Rolle des Moritatensängers wie ein Moderator auftritt, ist echtes Theater!
Als der Saal geöffnet wird, sitzt der Klavierspieler - regungslos wie eine Puppe - erstochen an seiner Tastatur. Erst als ihm das Messer aus dem Rücken gezogen wird, erwacht er zum Leben. Matthias Flake, mit der musikalischen Leitung beauftragt, pendelt gekonnt zwischen Schauspiel und Tonkunst. Im Orchester, das hinter einer durchsichtigen Leinwand wie ein lebendiges Bühnenbild agiert, brillieren Peter Deinum am Kontrabass und Jörg Kinzius am Schlagzeug. Andreas Laux bedient die Holzblasinstrumente, Leo Heinrich zupft Gitarre und Banjo, Olaf Krüger setzt Akzente auf der Trompete und Jörn Wegmann spielt Akkordeon und Posaune. Kurt Weill komponierte die Musik für neun Musiker auf zweiundzwanzig Instrumenten. Schwamm drüber. Auch sonst scheint Vieles an diesem Abend unorthodox. Roberto Ciulli entdeckt im Publikum seine Mama, die er um einen Euro anbettelt. Die Spelunkenjenny spielt Volker Roos. Die Huren von Turnbridge werden von den Ganoven Mackie Messers dargestellt. Der in Tigerplüsch gekleidete Polizeichef trägt eine Raubtiermaske. Exzentrisch und grotesk wirkt Klaus Herzog in der Rolle des Bettlerkönigs, der das soziale Elend einträglich vermarktet. Die oft doppeldeutigen Einfälle sind zwar witzig, lassen aber die Ernsthaftigkeit des Geschehens nicht vergessen. Zu eindringlich ist diese korrupte Gesellschaft, in der alle Werte in Frage gestellt werden. Das Schlussplädoyer Mackie Messers, den Reinhart Firchow ideal verkörpert, richtet sich gegen Großfusionen und Aktienwahn. Danach wird eine alte Schellackplatte abgespielt. Zu spät für Macheath, der kurz zuvor hingerichtet worden war. Eine geniale Inszenierung!
Das Neusässer Publikum wirkte steif. Wenigstens beim Applaus hätte es sich von den Sitzen erheben können.

Kommentare:

hb hat gesagt…

Man verzeihe mir meine Unwissenheit, aber wie konnte sich ein "Theater an der Ruhr" so dramatisch verfahren, dass es bei Augsburg gelandet ist...?

LG: Holger

Krautl hat gesagt…

Lieber Nervenruh,

eine schöne Kurzbeschreibung. Ich kenne das Stück leider nicht, "nur" den Namen. Tja, dass sich ein Publikum "bedeckt" hält, hab ich auch schon öfter erlebt, egal, ob Theater oder Konzerte. Finde ich auch immer schade den Künstlern gegenüber.

Liebe Grüße ... :-)