Donnerstag, 31. Dezember 2009

Im Gartenhaus

Die Mäuse haben das Winterfutter, das eigentlich für die Singvögel vorgesehen war, vollständig aufgefressen. In den leeren Beutel verschleppten sie alles, was halbwegs transportabel schien: Strohhalme, Schrauben, Laub, Kronkorken, Zigarettenstummel, ein Stückchen Schnur und sogar eine Zeckenzange. Die Tierchen haben sich wirklich angestrengt. Es muss mühsam gewesen sein. Während Nervenruh noch über das Werk der Nager staunte, vernahm er plötzlich direkt hinter sich zwischen Saatgut und Dünger ganz klar und deutlich das Geknabber einer Maus. Wie sie sich Zugang zu diesem verschlossenen Abteil verschafft hatte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Beim Herausnehmen des Beutels mit Rasensaat schreckte das Tier auf, sprang ein paar Schritte zur Seite und blieb dann regungslos wie zu einer Statue erstarrt stehen. Als Nervenruh anfing das Fach auszuräumen, verschwand die Maus so flink, dass ihr kein Auge folgen konnte. Plötzlich kauerte sie auf einem Stützbalken unterhalb des Hüttendaches in einer düsteren Ecke und beobachtete mit ihren Knopfaugen jede Bewegung. Sie ließ sich bereitwillig mustern und fotografieren, doch als Nervenruh eine Mausefalle auf den Balken stellte, stürzte sich das putzige Fellknäuel senkrecht in die Tiefe und ist seitdem spurlos verschwunden.

Dienstag, 29. Dezember 2009

Schwarzbräu

Hinter dem Namen „Schwarzbräu“ verbirgt sich weder ein illegales Sudhaus noch ein geheimer Gärkeller, sondern eine Brauerei im westlichen Landkreis Augsburgs. Sie liegt keine zwanzig Kilometer von Deuringen entfernt im schwäbischen Zusmarshausen. Dort wird das Malz noch in einer eigenen Mälzerei mit Gerste und Weizen aus der Region hergestellt. Das Wasser, dessen Qualität im Naturpark Westliche Wälder hervorragend ist, wird aus tiefen Brunnen geschöpft. Der Hopfen kommt aus der Hollerdau, Tettnang, Spalt oder Žatec.
Die Brauerei wurde erstmals 1648 erwähnt. Damals hieß sie noch „Zum grünen Baum“ und wurde vom Glaser und Brauer Hans Mayer betrieben. Nach der Schlacht am Roten Berg kurz vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges stürmten schwedische Söldner das Gasthaus und plünderten die gesamten Biervorräte. Über zweihundert Jahre später übernahm die Familie Schwarz, von der die Brauerei ihren heutigen Namen erhielt, das Geschäft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schwarzbräu zur Militärbrauerei erklärt. Amerikanische Besatzer quartierten sich ein. Heimlich wurde nebenher dunkles Bockbier gebraut und im tiefen Lagerkeller eingemauert. Schwarzbräu belegte 1954 als erste deutsche Brauerei den ersten Platz bei der Weltausstellung in Brüssel.
Gegenwärtig leiten Leopold und Konrad Schwarz den Familienbetrieb mit 65 Mitarbeitern. 2009 wurde Schwarzbräu als erfolgreichste Marke der internationalen Leistungsschau der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft mit zwölf Mal Gold und fünf Mal Silber ausgezeichnet.

Montag, 28. Dezember 2009

Der Megakoch

Die vergangenen Feiertage verbrachte der Megakoch meistens in der Küche und frönte einer seiner Leidenschaften, dem Kochen. Der Anlass war der Geburtstag einer im Orient geborenen Person und eignete sich vorzüglich, um ein orientalisches Menü in vier Gängen zu zaubern. So servierte der Megakoch als Vorspeise eine Rote Linsensuppe, als Zwischengang einen Paprikasalat mit Melonen, als Hauptgericht Hähnchenbrustfilets mit Birnen und als Nachspeise ägyptischen Dattelkuchen. Dazu gab es Tee aus Minze, Zitronenbaumblättern, Saharablumen und Rosenblüten. Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht!
Doch damit nicht genug. Mit vier Gängen eines orientalischen Menüs lassen sich nämlich drei Tage schwer überleben ohne dass der Magen lästig wird und mit lautem Knurren nach Mehr verlangt. So zelebrierte der Megakoch tags darauf „Canard à l'orange“, eine Ente in feiner Rotwein-Orangen-Sauce nach französischem Rezept. Dazu gab es Kartoffelknödel. Ein Gedicht!
.
Die Seele vom Genuss,
o Freund,
ist dessen Kürze.
Die Furcht des Todes
ist des Lebens
scharfe Würze.
Der Tor klagt überm Schmaus,
dass er so früh sei aus.
Ein Weiser isst sich satt
und geht vergnügt nach Haus.
.
(Zitat von Friedrich Rückert)

Sonntag, 20. Dezember 2009

Sibirien

Der asiatische Teil Russlands wird als „Sibirien“ bezeichnet. Dort soll es zwar reichlich Erdöl, Gas und sogar Gold geben, doch nicht nur sonnenhungrige Urlauber ziehen es vor, um dieses riesige Gebiet einen weiten Kreis zu ziehen. Das Bekannteste an Sibirien ist nämlich die gefürchtete eisige Kälte.
Der westliche Ortsteil Stadtbergens trägt die Bezeichnung „Deuringen“. Hier gibt es weder Erdöl, Gas noch Gold, doch in den letzten Tagen mehr als genug von der klirrenden sibirischen Kälte. Gestern rutschten die Temperaturen auf knapp unter -13°C. Heute am frühen Morgen schnitten Sonnenstrahlen durch die eisige Luft. Mit dicken Socken in den Winterstiefeln, mehreren Lagen von Pullovern unter der Jacke und einer wärmenden Pudelmütze auf dem Kopf stapfte Nervenruh mit seinem übermütigen Kater Felix über hart gefrorenen Schnee. Heimlich durch die Gegend zu schleichen, um vielleicht irgendwo Vögel oder ein Eichhörnchen zu beobachten, war schlicht unmöglich. Die Tritte in den Schnee knirschten dermaßen laut, dass alles Getier bereits von Weitem gewarnt war und flugs Reißaus nahm, bevor man es richtig zu sehen bekam. Auch im Garten ist inzwischen mit Ausnahme der frostharten Pflanzen alles erfroren. Sogar die Mäuse sind plötzlich allesamt spurlos verschwunden. Die Türe des Gewächshauses ließ sich nicht mehr öffnen. Bohrungen nach Erdöl oder Gas sowie das Schürfen nach Gold erübrigten sich sowieso. Die Erde war hart wie Stahlbeton.
Zu Hause brannten beim Frühstück vier Kerzen. Aber sonst war in Deuringen fast alles ganz genau so wie in Sibirien.

Samstag, 19. Dezember 2009

Herbstmeisterschaft

In unseren Breitengraden erstreckt sich eine Fußballsaison in der höchsten Spielklasse vom Sommer des einen Jahres bis zum Sommer des darauf folgenden. Es hat sich im Laufe der Zeit so eingebürgert, dass die Hinrunde, also die erste Hälfte des Wettbewerbs, vor dem Beginn der Winterpause ausgetragen wird. Der Verein, der zu diesem Zeitpunkt die Tabelle anführt, gilt als Herbstmeister. Gerne würden die Fußballclubs während der kalten Monate weiterhin jedes Wochenende ihre Spiele austragen, denn das könnte Geld in die Kassen spülen und die dicht gedrängten Terminkalender etwas entzerren. Doch Väterchen Frost, dessen magisches Zepter von der weit entfernten Taiga bis hin auf unsere Fußballplätze reicht und alles gefrieren lässt, was er damit berührt, bereitet dem Spiel ein jähes Ende. Jeder Verein, mag er noch so wohlhabend sein und in Millionen schwimmen, muss sich dieser Macht beugen. Es ist vielleicht ein kleiner Trost, sich mit einem inoffiziellen, nutz- und wertlosen Titel zu schmücken, der zudem noch ziemlich verlogen ist. Der wirkliche Herbstmeister ist Väterchen Frost.

Freitag, 18. Dezember 2009

Im Glaspalast

Die 1837 gegründete mechanische Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA) vergab 1909 an den Architekten Philipp Jakob Manz den Auftrag zum Bau eines weiteren Fabrikgebäudes. Zu dieser Zeit hatte Manz bereits den Ruf eines „Blitzarchitekten“ erworben, seine Stahlskelettbauten ließen sich schnell und kostengünstig errichten. Mit dem Bau des Glaspalastes ging er seinerzeit an die Grenze des technisch Machbaren. Der auf einer Grundfläche von 115 x 45 Metern errichtete Spinnereihochbau wurde großflächig verglast, was zur optimalen Tageslichtausnutzung in den Sälen beitrug aber auch als gestalterisches Mittel diente. Am 1. Januar 1910 wurde in dem damals als „Werk IV“ bezeichneten Gebäude mit 1.200 Arbeitern die Produktion aufgenommen. Etwa sechzig Jahre später begann der Niedergang der traditionsreichen Textilstadt Augsburg, der bewirkte, dass bis zur Jahrtausendwende nahezu alle Fabriken stillgelegt waren. So stand der Glaspalast, einst einer der fortschrittlichsten und größten Industriebauten seiner Zeit, über zehn Jahre lang leer. Im Jahr 2000 erwarb Professor Ignaz Walter die Immobilie und ließ sie auf eigene Kosten für kulturelle und gewerbliche Zwecke renovieren. Heute befinden sich in dem Gebäude unter anderem vier Kunstmuseen.
Im H2-Zentrum für Gegenwartskunst werden Exponate aus dem eigenen Bestand sowie spektakuläre, eigens für die Räumlichkeiten konzipierte Sonderausstellungen gezeigt. Zur Zeit sind dort „Silent Spaces – Räume der Stille“ zu sehen.
Die Staatsgalerie Moderne Kunst ist eine Zweigstelle der Pinakothek der Moderne in München. Sie wurde am 23. Mai 2006 eröffnet. Im Mittelpunkt der auf einer Fläche von 1.500 Quadratmetern eingerichteten Räumlichkeiten steht die Kunst seit 1945.
Die Galerie Noah fördert junge, zukunftsorientierte Künstler und bietet deren Werke zum Kauf an. Noch bis zum 24. Januar 2010 werden dort Gemälde, Skulpturen und Grafiken von Jonathan Meese gezeigt.
Das im Jahr 2002 eröffnete Kunstmuseum Walter präsentiert eine der größten privaten Kunstsammlungen Deutschlands. Auf zwei Stockwerken verteilt sind über 1.600 Werke zeitgenössischer und moderner Kunst zu sehen. In diesem Museum darf - im Gegensatz zu den drei oben genannten Ausstellungsräumen - leider nicht fotografiert werden.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Fisch-Tajine

Während Frau Holle über Deuringen fleißig ihre Betten ausschüttelt, herrschen in Marokko in der Gegend um Agadir milde 20°C. Leider ist es nicht jedem möglich, sich im Dezember dort aufzuhalten, am Strand entlang zu spazieren, auf einem Kamel gemütlich durch die Eukalyptuswälder zu reiten, die Kletterziegen auf den Arganenbäumen zu beobachten oder an windgeschützten Plätzen die Wärme der Sonne zu genießen. Was uns in unserer winterlich verschneiten Gegend trotzdem von Marokko bleibt, ist irgendeine dieser leckeren orientalischen Köstlichkeiten. Also ab in die Küche und ran an den Herd!
Heute soll es zur Abwechslung mal eine Fisch-Tajine geben, die in ganz Nordafrika in ungezählten verschiedenen Varianten zubereitet wird. Bei Nervenruh soll es an diesem Sonntag diejenige mit Spinat, Tomaten und Mandeln sein. Was eine Tajine ist, wurde bereits früher
hier in diesem Blog beschrieben. Wer nicht im Besitz dieses speziellen Kochgerätes ist, kann sich zur Herstellung solcher Gerichte mit einem verschließbaren Bräter behelfen.
Zuerst werden klein gehackte Zwiebeln und Knoblauchzehen mit edelsüßem Paprikapulver in heißem Olivenöl angebraten, gesalzen und gepfeffert. Darauf kommen dünn geschnittene Scheiben einer Zitrone. Die nächste Schicht bildet in Salzwasser blanchierter Spinat, über den halbierte Cocktailtomaten verteilt werden. Dann ist der Fisch an der Reihe. Für dieses Rezept eignen sich Seelachsfilets, die mit Kurkuma, Kreuzkümmel, Salz und Pfeffer eingerieben und anschließend auf die Tomaten gelegt werden. Danach wird das Kochgefäß geschlossen und in den kalten Backofen gestellt, der innerhalb von zehn Minuten auf 180°C aufheizen soll. Nach weiteren vierzig Minuten ist das Gericht gar, wird mit gerösteten Mandelstiften und fein gehackter Petersilie bestreut und serviert. Gut dazu passen Gemüsereis, orientalische Musik und Minzetee.
>>
Rezept

Samstag, 5. Dezember 2009

Große Kunst

Der junge ungarische Chemiestudent Alexander Kasser aus Budapest sah 1929 in Paris die Skulptur „Das ewige Idol“ von Auguste Rodin. Er war fasziniert von diesem Kunstwerk und wollte es unbedingt besitzen. Zwar erwarb er erst mehr als vierzig Jahre später einen Abguss der Bronzestatue, doch seine Sammlerleidenschaft war mit diesem Erlebnis erwacht. Im zweiten Weltkrieg halfen Alexander Kasser und seine Ehefrau, die Kunsthistorikerin Elisabeth Kasser, dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, ungarische Juden vor dem Holocaust zu retten, 1945 emigrierten sie mit ihren Kindern in die USA. Da Kassers Frau das Interesse und die Leidenschaft ihres Mannes teilte, kam es, dass im Laufe der Zeit eine sehr persönliche Kunstkollektion, die hauptsächlich Gemälde und Plastiken des 19. und 20. Jahrhunderts umfasst, entstand. Das Ehepaar legte dabei immer viel Wert darauf, die Künstler nach Möglichkeit persönlich kennen zu lernen. 1965 bat der leidenschaftliche Sammler seine Tochter Mary V. Mochary, die Kasser-Stiftung aufzubauen, aus der später die Kasser Art Foundation entstand. Alexander Kasser starb 1997, seine Frau Elisabeth im Jahr 2002. Sohn Michael Kasser und Tochter Mary V. Mochary, die die Foundation leitet, erweitern ständig den Bestand. Während Michael sich auf präkolumbianische Werke spezialisiert hat, kauft Mary klassische Moderne und junge südamerikanische Kunst. Die Sammlung umfasst mittlerweile über 500 Exponate.
Seit dem 25. Juli werden im Schaezlerpalais in Augsburg Kunstwerke aus der Kasser Art Foundation ausgestellt. Es handelt sich um Werke von Künstlern auf der Suche nach irdischen Paradiesen, die meist in der Zeit zwischen 1850 und 1950 entstanden sind. Gut 100 Ausstellungsstücke namhafter Maler und Bildhauer, darunter Berühmtheiten wie zum Beispiel Marc Chagall, Claude Monet, Henri Matisse, Paul Cèzanne, Edgar Degas, Pablo Picasso, Jaques Lipchitz, Pierre-Auguste Renoir, Hans Arp oder Marino Marini sind vertreten. Dabei ist auch die Bronze „Das ewige Idol“ von Auguste Rodin, mit der alles begann. Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich: Solch große Kunst hätte man in Augsburg nicht erwartet. Die Ausstellung, die eigentlich am 22. November hätte enden sollen, wurde wegen des hohen Zuspruchs bis zum 31. Dezember verlängert. Danach wird die Schau vom Ungarischen Nationalmuseum in Budapest, der Heimatstadt Alexander Kassers, übernommen.
Auch wenn im neuen Jahr die „irdischen Paradiese“ aus dem Schaezlerpalais verschwunden sein werden, lohnt sich ein Besuch dieses denkmalgeschützten Gebäudes am Herkulesbrunnen in der Maximilianstraße. Der zwischen 1765 und 1770 erbaute Rokokobau, seit 1958 im Besitz der Stadt Augsburg, wurde von 2004 bis 2006 aufwendig renoviert. Augenweiden sind der Arkaden-Innenhof, der Garten und vor allem der prunkvolle Festsaal. Außerdem ist in dem Haus die Haberstock-Stiftung mit Gemälden von bedeutenden Künstlern des Barock untergebracht. Ab Januar wird sich im Erdgeschoss die erste Deutsche Barockgalerie, die süddeutsche Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts präsentiert und vorübergehend den „irdischen Paradiesen“ weichen musste, wieder finden. Außerdem ist über das Schaezlerpalais die Staatsgalerie Altdeutsche Meister zugänglich. Dort können fast 100 Werke aus der Blütezeit Augsburgs um 1500 besichtigt werden, darunter Bilder von Hans Holbein d.Ä., Hans Burgkmair, Lucas Cranach d.Ä. sowie das bekannte Fugger-Portrait von Albrecht Dürer.