Sonntag, 1. November 2009

Allerseelen

Am katholischen Feiertag „Allerheiligen“, dem Festtag für alle Märtyrer und Heiliggesprochenen, strömen heutzutage viele Menschen auf die Friedhöfe, um der Toten zu gedenken. Ursprünglich jedoch fand die Totenverehrung einen Tag nach Allerheiligen, nämlich an „Allerseelen“, statt. Aber die Tatsache, dass der Durchschnittsbürger an diesem Tag gezwungen wird um das Goldene Kalb des Radikalkapitalismus zu tanzen, macht die altüberlieferte Ausübung des Totenkultes unmöglich. Ein Stück kultureller Idendität wird auf dem Altar der Geldvermehrung geopfert. Somit ist der geknechtete, moderne Mensch gezwungen, die Allerheiligen- und Allerseelenbräuche an einem einzigen Tag zu vollziehen.
Der Totenkult lässt sich bis in vorchristliche Zeiten zurück verfolgen. Auch unterscheiden sich die Bräuche je nach Region. Im Jahr 1862 beschreibt Dr. Lauk in Zusmarshausen: Am Allerseelentag werden die Grabhügel geschmückt mit Kränzen von Moos, Siengrün, mit Vogelbeeren besteckt u. dgl. Nachmittags nach der Predigt werden die Gräber besucht. Etwa vier Jahrzehnte später, genau im Jahr 1902, bemerkt A. Raich: Sehr verbreitet, namentlich im Lechrain und im Allgäu ist der Brauch, am Tag vor Allerheiligen die Oberfläche der Grabhügel zu ebenen, dann mit zerriebener Holzkohle oder Moorerde oder Gerblohe zu überkleiden und mit weißem oder gelbem Sand oder mit Mehl und mit Blumen (Astern, Georginen), rothen Beeren vom Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia L.) oder weißen Beeren von der Schneebeerstaude (Symphoricarpus racemosus) oder Tintenbeeren (Ligustrum), verschiedene Verzierungen und Figuren (Kreuz, Name Jesu, Glaube mit Hoffnung und Liebe, Namensbuchstaben) anzubringen und den Grabesrand und das Grabkreuz mit Epheu, Singrün, Bux und Todtenblumen (calendula offincinalis) zu bekränzen. Letztere, im Lechrain auch Ringeln genannt und um diese Zeit noch blühend, werden dicht aneinander gereiht und mit schwarzem Flor umschlungen. Das am Grabesende auf einer zierlichen Säule von Holz oder Stein angebrachte Weihwassergefäß wird gefüllt und als Aspergil ein Buxzweig hineingelegt. Andere wieder setzten einfach den "Weihbrunnen" in einer Schale direkt aufs Grab.
Auch Gebackenes gehört zu Allerseelen. Bekannt sind verschiedene Rezepte und Formen. Ihre Gemeinsamkeit ist der Hefeteig, mit dem sie hergestellt werden. So zum Beispiel gehört die „Seelenbreze“ in der Gegend um Augsburg schon seit Jahrhunderten zum Brauch. Das Papistenbuch aus dem 15./16. Jahrhundert erzählt: Sonderlich legen die Augsburger Bistums brott auf das Grab mit einer Kerzen oder zwo, legens manchmal auf den Altar, so zelt es der Meßner und ist es von der armen Seel wegen. An etlichen Orten opfert man Wein, Brot und Mel auf die Altär. Anton Birlinger berichtet um 1860: Ein merkwürdiger Brauch, sicherlich Ueberrest der alten Todtenopfer ist das Herumhängen der Seelenbrezgen an den Gottesackerkreuzen und Steinen, mit denen natürlich über Nacht sauber aufgeräumt wurde. So in der Wertachgegend bis nach Bayern hinüber. Etwa um das Jahr 1900 schreibt A. Raich: Bis in neueste Zeit stellte man vielerorts in der schwäbisch-bayerischen Hochebene und nicht zum mindesten im Bereiche des Bisthums Augsburg am Allerseelentage auf die in der Kirche errichtete tumba „Seelnäpfe“, d.h. Schüsseln mit Getreide, Mehl, Bohnen. Auch Seelzöpfe, Butterballen, Rauchfleisch, da und dort eine schwarze Henne sammt einem Schock Eier, wurden ebenda niedergelegt. Dieser „Bahraufsatz“ war für den Meßner bestimmt. Es ist das offenbar eine christliche Umbildung der weit verbreiteten Heidensitte, den Todten Speisen mit ins Grab zu geben resp. Speisen auf dem Grabhügel aufzustellen und ebenda Schmausereien zu halten, ein heidnischer Unfug, gegen den bekanntlich u.a. St. Augustin in seinen Bekenntnissen eifert. An einer anderen Stelle heißt es: Auswärtige, die da Grab der Eltern, der Geschwister u. dergl. zu besuchen kamen, opferten auf dem Seitenaltar sog. „Seelenzöpfe“, d.h. aus Semmelteig in Form eines Haarzopfes geflochtene längliche Gebäcke in verschiedenen Größen. Auch reicht man im Lechrain Armen und Kindern „Seelenwecken“. In Schwaben und im östlichen Allgäu geben die Tauf- und Firmpathen den Kindern „Seelenbrode“, „Seelenbretzgen“, „Seelenzelten“ und „Seelenmändle“, d.h. Brode in Form eines Männchens. Die Danksagung der Empfänger lautet dann: „Gelt's Gott für die armen Seelen!“

1 Kommentar:

Krautl hat gesagt…

Super-interessanter Beitrag, lieber Nervenruh - danke dafür :-)