Dienstag, 4. November 2008

Vater Staat

Man sieht nichts. Man hört nichts. Man riecht nichts. Man vergisst. Und doch ist er da. Aus einem Artikel der Augsburger Allgemeinen vom heutigen Tag:
25 Tage saß Stephan Schober unschuldig in der Nürnberger Justizvollzugsanstalt. Am vergangenen Freitag konnte der 43-Jährige endlich wieder seine Frau Elke und seine beiden Kinder in die Arme schließen.
Hintergrund ist ein Bagatell-Unfall am 17. April in der Nähe von Schwabach. Ein Lastwagen der Lichtenfelser Spedition soll ein parkendes Auto angefahren haben. Der Sachschaden: 2500 Euro. Am 6. Oktober wird der Fall vor dem Amtsgericht Schwabach verhandelt. Schober wird als Zeuge vernommen. Er bestätigt, dass er neben seinem Kollegen, dem Fahrer Werner Vosswinkel, im Führerhaus saß - und nichts von einem Unfall bemerkt hat. Die Frau des Pkw-Besitzers gibt dagegen an, dass nur ein Mann im Lastwagen saß. Schober wird noch im Gerichtssaal wegen uneidlicher Falschaussage und Verdunklungsgefahr festgenommen.
Erst dreieinhalb Wochen nach dem Prozess später bestätigt ein Lackgutachten, dass der Lastwagen der Spedition Kraus & Pabst als Unfallverursacher ausscheidet. Schober, gegen den bereits Anklage erhoben wurde, kommt frei. Für Kober und Firmenchef Rohrbacher bleiben eine Menge an Fragen an die Justiz. "Wieso wird ein vollkommen unbescholtener Bürger wegen einer Lappalie behandelt wie ein Verbrecher", stellt Kober in den Raum. "Hier wird die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates infrage gestellt."
Rohrbacher geht noch einen Schritt weiter: "Wenn so etwas Schule machen sollte nach einem Verkehrsunfall, könnte man jedem Bürger nur raten, sich nicht als Zeuge zur Verfügung zu stellen oder sich vorher freies Geleit zusichern zu lassen." Firmensprecher Martin Rebhan wirft den Behörden "schlampige Ermittlungen" vor.
"Das ist der Horror", blickt Schober auf die 25 Tage und Nächte im Gefängnis zurück. Eine Stunde Aufschluss und eine Stunde Hofgang pro Tag werden ihm dort gewährt. Den Rest des Tages verbringt er in der Zelle. "Die Emotionen fahren mit mir Karussell", beschreibt Schober am Montag seine psychische Verfassung. "Ich kann nachts nicht schlafen. In meinem Kopf läuft ständig ein Film ab. Es sind aber nur Sequenzen, ohne Zusammenhang."
Drei Tage nach seiner Haftentlassung bedankt sich Schober bei allen, die in den vergangenen Wochen hinter ihm gestanden, vor der JVA für seine Freilassung demonstriert und immer an seine Unschuld geglaubt haben. "Ich selbst habe in der U-Haft nicht so sehr gelitten wie meine Frau und meine Kinder zu Hause", erklärt der 43-Jährige. Für seinen achtjährigen Sohn und seine elfjährige Tochter waren die vergangenen Wochen ein Alptraum. Mit einer Woche Sonderurlaub kann sich ihr Vater erst einmal von den ärgsten Spuren der Haft erholen.
"Unschuldig zu sitzen, ist das Schlimmste, was einem passieren kann", beschreibt Firmensprecher Rebhan den Fall Schober: "Er lehrt, dass so etwas jeden treffen kann. Schober stand vor der Frage, seine Aussage zu widerrufen und die Unwahrheit zu sagen, damit er wieder in Freiheit kommt", resümiert Betriebsratschef Kober zum Abschluss der Pressekonferenz.
Die Entschädigung für die Freiheitsberaubung von Stephan Schober betrug menschenverachtende elf Euro pro Tag.

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