Samstag, 28. Oktober 2006

FCA - 1860

Schon als ich am späten Nachmittag am Augsburger Hauptbahnhof ankam, war alles anders als sonst. Zum Teil ziemlich betrunkene und laut grölende 1860-Fans belagerten die Wartehalle und den Bahnhofsvorplatz. Bedrohliche Banden von schwarz gekleideten Bereitschaftspolizisten, die scharfe Waffen trugen, um sie gegebenenfalls auf Menschen abzufeuern, rotteten sich zusammen und verbreiteten ein Gefühl der Angst. Unwillkürlich stellte sich hier die Frage, ob heute der FC Augsburg und der TSV 1860 München in einem Fußballspiel gegenüberstehen werden oder ob ein Krieg zwischen der Bevölkerung und der Polizei ausbrechen wird. Ich hielt mich in dieser aufgeheizten Atmosphäre nicht lange auf und nahm mir ein Taxi nach Deuringen. Der Fahrer schimpfte über das Unvermögen unserer staatlichen Chaoten, die eigentlich Ordnungshüter sein sollten, aber am heutigen Tag ein katastrophales Verkehrschaos verursachten. So soll den Herren Polizisten nichts Besseres eingefallen zu ein, als mitten auf der sowieso schon überlasteten Friedberger Straße einen Bus mit 1860-Fans anzuhalten und gründlich durchzufilzen. Das dauerte natürlich. Da zu dieser Zeit für die Meisten das Wochenende beginnt, der Berufsverkehr einsetzt, der Beginn der Herbstferien in Bayern anstand und die Ferien in einigen anderen Bundesländern zu Ende waren, kam es zu einem Verkehrsstau von unerträglichem Ausmaß. Als ich später wiederum mit einem Taxi von Deuringen zum Rosenaustadion fuhr, traf ich abermals auf einen zerknirschten Fahrer, der lautstark über unsere Herren in grün schimpfte.
Schon weit vor dem Stadion zogen Massen von Menschen in einer unendlichen Schlange in Richtung Rosenau. Der Taxifahrer konnte mich nicht bis vor den Eingang des Stadions bringen, denn es war kein Durchkommen mehr. So reihte ich mich in die Schlange ein. Auch als Fußgänger konnte man nicht ungehindert vor die Stadiontore treten, denn alle Zugangsstraßen waren abgesperrt und wer diese Hindernisse überwinden wollte, musste seine Eintrittskarte vorzeigen. An den Stadiontoren bildete sich ein Pulk von Menschen, denn dort war natürlich die scheinbar unvermeidliche Kontrolle nach Handgranaten und Atombomben oder Ähnlichem. Nachdem ich mich von einem total übergewichtigen, fetten und unappetitlich schwitzenden Kontrolleur befummeln lassen musste, schob ich mich langsam in Richtung Nordkurve. Meine Karte war für einen Stehplatz im Block G gültig. Vorher gönnte ich mir noch ein Paar Bockwürste mit Senf und Semmel, für die ein stolzer Preis verlangt wurde. Ob sich dieser damit rechtfertigen sollte, indem die Würstchen kalt waren, blieb mir verborgen.
Ich war früh genug gekommen, um an einer Stelle mit einem einigermaßen guten Blick auf das Spielfeld meinen Platz einzunehmen. Im Block G befanden sich fast nur Fans des TSV 1860 und ich war froh, in einer gleich gesinnten Gesellschaft zu sein. Ein paar Reihen vor mir standen türkische Mitbürger, die sich mit den Farben des FCA outeten und ich fragte mich, was in ihnen in dieser Umgebung wohl vorging. Plötzlich schwankte ein blau-weiß gekleideter, offensichtlich stark angetrunkener Schlachtenbummler durch die Reihen und ausgerechnet vor mir kotzte dieser in hohem Bogen ins Rund. Dabei traf ein Strahl aus halbverdautem Bohneneintopf ausgerechnet auf meine Jacke. Zum Glück drängelten sich mehrere Zuschauer so eng an mir vorbei, dass der übel riechende, triefende Sabber von meiner Kleidung abgestreift wurde und an deren Kleidung hängen blieb. Nach wenigen Minuten war meine Jacke fast schon wieder sauber. Eigentlich sollte das Spiel um 18 Uhr angepfiffen werden, doch der Stadionsprecher verkündete, dass noch tausende von Menschen vor den Toren stehen und deshalb der Beginn um mehrere Minuten verlegt werden müsse. Übermütige Fans rüttelten unaufhörlich an den Absperrgittern, die sich bogen wie elastische Gummibänder. Ein Gast hinter mir schüttete sein Bier auf meine Hosenbeine. Dann war endlich Anstoß und es begann ein schlechtes Spiel mit vielen Fouls, Unterbrechungen, Fehlern und stümperhaftem Verhalten der professionellen Spieler. Bier- und Colabecher flogen auf das Spielfeld und Ordner in orangefarbenen Warnwesten bezogen Stellung. Als der Stadionsprecher verkündete, dass das Werfen von Gegenständen verboten ist, wurde auf den Rängen kurzerhand ein Feuer entfacht. Das aber war wiederum verboten, genauso wie das darauf folgende Abbrennen von Feuerwerkskörpern. Mittlerweile war ein Absperrgitter bereits so beschädigt, dass man mühelos hindurchklettern hätte können. Immer mehrere Ordner zogen auf. Anschließend kamen auch noch Truppenverbände, bestehend aus solch schwarz gekleideten, bewaffneten Bereitschaftspolizisten wie ich sie schon nachmittags am Hauptbahnhof gesehen hatte. Breitbeinig und mit verschränkten Armen standen sie wie leblose Figuren vor den Blöcken und richteten ihre starren Blicke auf die Zuschauer, bis sie nach wenigen Minuten vom nächsten Truppenverband abgelöst wurden. Längeres Stehen war den Herren Beamten wohl nicht zuzumuten. Die Tumulte auf den Rängen ließen nicht nach. Immer mehrere BePos zogen auf und danach gesellten sich auch noch grüne Ordnungshüter dazu. Plötzlich wurden von unten mehrere Tore geöffnet und die staatlich sanktionierten Schlägertrupps stürmten auf die Ränge. Immerhin gelang es ihnen, einen von bestimmt über tausend Randalierern ausfindig zu machen und einen Zuschauer bis zur Bewusstlosigkeit zu verprügeln. Der wie leblos wirkende Körper wurde in das Rund geschleift und auf den Boden geworfen, von dem ihn dann Sanitäter aufhoben und auf eine fahrbare Trage legten. Gegen Ende des Spiels wurde verkündet, dass die Zuschauer nach dem Schlusspfiff in ihre Blöcke zu ihrer eigenen Sicherheit eingesperrt werden. Da ich überhaupt keine Lust hatte, mich meiner Freiheit berauben zu lassen und für den geleisteten Eintrittspreis auch noch als Geisel zur Verfügung zu stehen, verließ ich meinen Platz. Kurz danach schlossen sich hinter mir die Gittertore. Ich bin gerade noch entkommen.
Der TSV 1860 München verlor nach einer indiskutablen Leistung und einem grauenhaften Spiel verdient mit 0:3.

1 Kommentar:

Chris hat gesagt…

Staatlich sanktionierte Schlägertrupps?
Welches Spiel hast den Du gesehen? Hunderte Löwenfans führen sich auf wie die Sau und dann erwischt es halt einen der eifrigsten.
Wer glaubt, dass es den Cops Spaß macht hat keine Ahnung.