Sonntag, 25. Juni 2006

Lykien


Ich habe noch kein Land öfter besucht als die Türkei. Umso erstaunlicher ist es, daß mittlerweile bereits 29 Jahre vergangen waren, seit ich zum letzten Mal im Monat Juni dort war. Doch in diesem Jahr zu Pfingsten sollte es wieder einmal soweit sein. Das Flugzeug hob am 3. Juni in München ab und nachmittags landete es planmäßig in Antalya. Da es in Deuringen für diese Jahreszeit noch viel zu kalt gewesen war - die Höchsttemperaturen lagen gerade mal bei 15°C - kam ich gleich gehörig ins Schwitzen.
Mein Ziel war das Land der Lykier, das sich westlich von Antalya erstreckt. Das gebuchte Hotel befand sich in Kemer. In dieser Gegend war ich vorher noch nie. Erst war ich überrascht, weil der Transfer 90 Minuten dauern sollte, denn ich hatte eigentlich nur mit der halben Zeit gerechnet. Da aber der Flughafen östlich von Antalya liegt, mußte der Bus erst die immer noch wachsende und allmählich aus allen Nähten platzende Stadt durchqueren, um auf die Hauptstraße nach Westen zu kommen. Das kostete natürlich etwas Zeit. Das Hotel Özkaymak Marina lag im Zentrum von Kemer direkt am Yachthafen. Der Garten war schön angelegt und an den stattlichen und gut eingewachsenen Pflanzen konnte man erkennen, daß es diese Anlage schon eine ganze Weile gab. Das Zimmer war angenehm und vom Balkon aus sah man auf das Meer und die Berge. Das Essen in den Restaurants war gut und die Bars waren ordentlich bestückt. Es gab zwei Pools und einen kleinen aber ausreichenden Strandabschnitt, der etwa 200 Meter entfernt in der Mondscheinbucht lag. Klar, daß es in einem Hotel, das mitten in der Stadt liegt, nicht immer ruhig zugeht. Das ist eben der Preis für eine zentrale Lage. Ich war zufrieden.
In Kemer selbst gibt es nicht viel zu sehen. Der schönste Platz liegt auf einem Hügel neben dem Yachthafen. Dort befindet sich der Yörukler-Park, ein Open-Air-Museum, das einen kleinen Einblick in die Tradition und Lebensweise der Nomaden gibt. Es ist ein idyllischer und friedlicher Ort, der dazu einlädt, einen Cay zu trinken und die Atmosphäre aufzunehmen. Der Ayisigi-Park, der sich zwischen dem Hotel Özkaymak und der Mondscheinbucht erstreckt, ist schön angelegt und wird auch von vielen Einheimischen besucht. Dort gibt es unter anderem neben Restaurants und Geschäften auch ein Schwimmbad, einen Minigolfplatz und ein Delphinarium. Ansonsten gleicht Kemer einer künstlichen Retortenstadt, in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft, fast ganz ohne das typisch türkische Flair. In der vielgepriesenen Fußgängerzone reiht sich ein überteuertes Geschäft ans andere und die Händler haben keine große Lust zu feilschen. Die Strandpromenade ist zwar schön bepflanzt, versprüht aber den zweifelhaften Charme der Ballermannmeile auf Mallorca. Es befinden sich dort hauptsächlich Discotheken, aus denen anglo-amerikanische Musik dröhnt oder Techno stampft. Ein ausgedehnter Spaziergang am Strand war unmöglich, da sich auf einer Seite der Yachthafen und anschließend die Promenade befanden und auf der anderen Seite nach ein paar hundert Metern ein Wachposten das Vergnügen mit dem Hinweis, daß dies ein Privatgelände sei, jäh beendete. Kemer liegt zwar günstig für Exkursionen in die landschaftlich reizvolle Umgebung, aber den Ort an sich könnte man auch ohne großartig etwas zu versäumen ruhig links liegen lassen. Der erste Ausflug führte mich zurück in nordöstlicher Richtung in die Gegend von Antalya. In einem Außenbezirk der Stadt folgte der anscheinend unvermeidliche Besuch in einer riesigen Gold- und Silberschmiede, bevor es weiterging zum Kursunlu-Selalesi. Rings um die Wasserfälle, die aussehen, als strömten sie aus den zahlreichen Büschen und Bäumen hervor, befindet sich ein Park, in dem alles so belassen wird, wie es die Natur einrichtet. Umgestürzte oder hohle Baumstämme sind dort keine Seltenheit und das klare Wasser wird von zahlreichen Fischschwärmen bewohnt. Es ist dort angenehm kühl und eine Oase der Entspannung. Anschließend gab es ein gutes Mittagessen in einem nicht weit davon entfernten typisch türkischen Restaurant in ländlicher Umgebung. Danach stand der Besuch des Düden-Wasserfalls, den ich schon während meiner Reise zu Ostern 1997 besichtigt hatte, auf dem Programm. Hier hatte sich in der Zwischenzeit nichts verändert. Der Düden-Selali ist für mich nach wie vor der schönste aller türkischen Wasserfälle. Nach einem längeren und erholsamen Aufenthalt ging es weiter nach Antalya-Lara, wo der Düden mit lautem Getöse von einer steilen Klippe stürzt und ins Meer mündet. Man nennt dies den Lara- oder Alexander-der-Große-Wasserfall. Nach einer kurzen Besichtigung brachte mich der Bus ins Zentrum von Antalya, wo man Gelegenheit hatte, zu bummeln. Ich blickte in die Altstadt hinunter, ersparte mir aber diesmal den Weg zum Hafen. Statt dessen begab ich mich in den Alten Bazar, in dem noch richtig orientalisch gehandelt werden kann und erstand unter anderem eine Flasche Düden-Kolonyalari, etwas Sumak und eine Uhr. An einem anderen Tag durchquerte ich das Land der Lykier entlang der Küste in Richtung Westen bis nach Kekova. Die erste Rast fand über dem Obstgarten der Türkei, der Ebene von Kumluca, statt. Von hier aus hatte man eine herrliche Aussicht über dieses fruchtbare Gärtnerparadies. Die Fahrt führte weiter durch Finike bis zum Hafen von Andriake, in dem ich auf ein Boot umstieg, das mich zur versunkenen Stadt Kekova brachte. Die Ruinen der ehemaligen lykischen Stadt befinden sich zum Teil auf den Inseln und zum anderen Teil im Wasser. Ab und zu ragen Gebäudeteile über die Oberfläche und durch Fenster am Boden des Bootes konnte man antike Überreste auf dem Meeresgrund betrachten. Gegenüber befindet sich Simena, das eigentlich nur über das Wasser erreicht werden kann, mit seinem gigantischen Kastell auf einem Berg. Ein wirklich schöner Ort! Nach dieser wunderbaren Tour mit dem Boot brachte mich der Bus nach Demre zur Kirche des Heiligen Nikolaus. Dies ist ein Wallfahrtsort, den besonders Angehörige der orthodoxen Kirchen zahlreich besuchen. Schon auf dem Weg zur Kirche steht eine kitschige Nikolausstatue. Es ist schade, daß man sich heutzutage diesen Mann immer nur mit seinem rot-weißen Gewand vorstellt, obwohl er dieses gar nie getragen hat. Das ist lediglich eine Erfindung von Coca-Cola, um den Nikolaus rücksichtslos für Werbezwecke ausnützen zu können. Eine etwas realistischere Darstellung des Heiligen steht nahe beim Eingang der Kirche. Das Gebäude ist in einem ziemlich schlechten Zustand, wird jetzt aber anscheinend nach und nach renoviert. Dieses Bauwerk wurde im Lauf seiner langen Geschichte des Öfteren zerstört und wieder aufgebaut. Auch das Grab des Sankt Nikolaus ist nicht mehr das Original und außerdem leer, denn Italiener brachten den Leichnam vor einiger Zeit nach Bari. Trotzdem stecken viele Wunschzettel und Bittschriften unter dem Sargdeckel und vor der Kirche wird Heilige Erde in kleinen Säckchen verkauft. Die Stadt Demre hieß früher Myra und der antike Teil der Stadt heißt heute noch so. Dort besichtigte ich die lykischen Felsengräber, die ein fast schon unwirkliches, wie aus einem Fantasyfilm stammendes Bild boten. Nebenan lag ein altes römisches Theater. Ein Flötist spielte ein paar Melodien, so daß man die außerordentlich gute Akustik wahrnehmen konnte. Danach ging es schnurstracks zurück nach Kemer.
Beim letzten Ausflug ging es vom Yachthafen aus mit einem Boot hinaus auf das weite Meer. Ich passierte die steilen Kalksteinklippen mit den vom Wasser ausgewaschenen Höhlen und nach einiger Zeit die "Drei Inseln", die früher als natürlicher Hafen und wohl auch als Piratenversteck genutzt wurden. Nach mehreren Stunden mit viel Sonne, Musik, einer deftigen Mahlzeit und mehreren Badeaufenthalten ankerte das Boot am Strand vor Olympos. Dort hatte man Gelegenheit, einen Rundgang durch die antike Stadt zu unternehmen. Sie ist schon seit längerem nicht mehr bewohnt und Pflanzen haben die Ruinen bereits zum Teil überwuchert. Es sieht aus wie Relikte einer längst vergessenen Zeit mitten im Urwald. Auch eine frei lebende Schildkröte kreuzte meinen Weg. Ich war beeindruckt von der Symbiose, die hier Kultur und Natur miteinander bilden. Nach diesem Erlebnis nahm das Schiff wieder Kurs auf Kemer, wo es am Abend wieder im Hafen anlegte.
Kurz vor dem Ende meines zweiwöchigen Urlaubs war zu meiner Überraschung Karneval in Kemer. Ein endlos langer Umzug wälzte sich lautstark durch die Stadt. Trachten, Musik, Masken und die Rennboote eines bald bevorstehenden Rennens konnten bestaunt werden. Ich kaufte mir noch einen Beutel mit zuckersüßen Leblebici, dann war mein Urlaub leider zu Ende. Der Transfer holte mich nachts um drei Uhr im Hotel Özkaymak ab und fuhr mich zum Flughafen nach Antalya. Mit fast einstündiger Verspätung brachte mich ein Airbus zurück in meine Heimat.
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