Dienstag, 16. August 2005

Das beste Spiel

Damit eine Partie wirklich und wahrhaftig denkwürdig ist, die Art von Spiel, die dich innerlich vollkommen erfüllt nach Hause summen läßt, bedarf es so viele der folgenden Merkmale wie möglich:
1. Tore:
So viele wie irgend geht. Es wird manchmal behauptet, daß Tore ihren Wert bei besonders einfachen Siegen verlieren, aber ich habe das nie als ein Problem empfunden. (Ich genieße das letzte Tor bei einem 7:1-Sieg genauso wie das erste.) Wenn die Tore aufgeteilt werden müssen, dann ist es am besten, wenn das andere Team seine zuerst macht: Ich habe eine besondere Vorliebe für den 3:2-Heimsieg durch einen späten Siegtreffer, nachdem man bei Halbzeit 0:2 zurücklag.
2. Empörend schlechte Schiedsrichterentscheidungen:
Ich ziehe es vor, daß der TSV 1860 oder die SpVgg Deuringen das Opfer ist und nicht das bevorteilte Team, jedenfalls so lange uns das nicht den Sieg kostet. Empörung ist ein entscheidender Bestandteil des vollendeten Fußballerlebnisses; ich kann deshalb Spielkommentatoren nicht zustimmen, die sagen, daß ein Schiedsrichter eine gute Leistung gezeigt hat, wenn man ihn nicht bemerkt (obwohl ich es, wie jeder andere, nicht mag, wenn das Spiel alle paar Sekunden unterbrochen wird). Ich ziehe es vor, sie zu bemerken, sie anzubrüllen und mich von ihnen betrogen zu fühlen.
3. Eine lautstarke Zuschauermenge:
Nach meiner Erfahrung sind Zuschauermengen in Bestform, wenn ihr Team verliert, aber gut spielt, was einer der Gründe ist, warum eine Aufholjagd, die mit einem 3:2-Sieg endet, mein Lieblingsergebnis ist.
4. Regen, ein glitschiger Boden, etc.:
Fußball im August auf tadellosem, saftigem grünen Rasen ist ästhetisch ansprechender, aber ich mag ein bißchen rutschiges Chaos im Torraum. Zuviel Schlamm ist blöd, weil dann gar kein richtiges Spiel möglich ist, aber trotzdem geht nichts über den Anblick eines Spielers, der zehn oder fünfzehn Meter längs schliddert, um zu tackeln oder eine Flanke zu erreichen. Irgendwie wirkt das Ganze auch intensiver, wenn man es bei strömendem Regen sieht.
5. Der Gegner vergibt einen Elfmeter:
Deuringens Torhüter Klaus Schlötzer war der Elfmeterkönig, deshalb habe ich das ziemlich häufig miterlebt; der Katastrophenelfer in der letzten Minute der Fünftrundenpartie im Landkreispokal 1995 (oder war's 1996?) - er war so stürmisch und unkontrolliert geschossen, daß er fast bis hinüber zum Tennisplatz des TSV flog - bleibt mein Favorit. Aber ich werde immer auch ein Plätzchen irgendeines Landkreisvereins in meinem Herzen behalten, der während eines Pokalspiels in den 90er-Jahren, auch in der letzten Minute, einen Elfmeter verschoß; der Schiedsrichter entschied, daß der Strafstoß zu wiederholen sei, und er verschoß erneut.
6. Ein Spieler des gegnerischen Teams sieht die rote Karte:
"Es ist enttäuschend, die Reaktion des Publikums zu hören", bemerkte Uli Höneß im Verlauf eines Bundesligaspiels zwischen dem TSV 1860 und dem FC Bayern am 1. November 1997, als Bayerns Sammy Kuffour beim Stande von 2:2 vom Platz gestellt wurde und die Anhänger der Löwen durchdrehten; aber was erwartet er? Für Fans ist ein Platzverweis immer ein magischer Moment, obwohl es ganz entscheidend ist, daß er nicht zu früh erfolgt. Herunterstellungen in der ersten Hälfte haben entweder langweilig einfache Siege für die Mannschaft mit elf Mann zur Folge oder eine Umstellung im dezimierten Team, die dessen Abwehr undurchdringlich macht und das Spiel tötet; Platzverweise in der zweiten Hälfte eines engen Spiels sind unglaublich befriedigend. Wenn ich mich, ohne zu überlegen, für eine einzige Herunterstellung entscheiden müßte, um sie mit auf eine einsame Insel zu nehmen, dann fiele die Wahl auf Massings mörderischen Anschlag auf Caniggia (>>
Video) während des Eröffnungsspiels der Weltmeisterschaft 1990 (Argentinien gegen Kamerun), gefolgt von seinem Winken in die Menge zum Abschied.
7. Irgendeinen "unangenehmen Zwischenfall":
Wir betreten hiermit ein moralisch fragwürdiges Gebiet - es ist klar, daß Spieler dafür Sorge tragen sollten, eine leicht reizbare Menge nicht zu provozieren. Eine kleine Schlägerei zwischen dem Türk SV Bobingen und dem SOV Aramäer an einem nassen Novembernachmittag vor den Augen einer abgestumpften Menge von einhundertzwanzig ist eine Sache, eine Rauferei zwischen 1860- und Bayern-Spielern angesichts der kaum zu kontrollierenden Verbitterung auf den Rängen eine ganz andere. Und doch muß man - natürlich voller Bedauern und in angemessener Trauer - feststellen, daß nichts über eine Schlägerei geht, um ein ansonsten langweiliges Spiel zu beleben; die Nebenwirkungen sind immer von wohltätiger Art: Die Spieler und die Zuschauermenge engagieren sich mehr, die Handlung verdichtet sich, der Puls geht schneller. Und solange das Spiel nicht in einen bitteren Kleinkrieg ausartet, erscheinen mir Raufereien eine ziemlich wünschenswerte Besonderheit zu sein, so wie eine Dachterrasse oder ein offener Kamin. Wenn ich ein Sportjournalist oder ein Fußballfunktionär wäre, würde ich zweifellos meine Lippen schürzen, mißbilligende Töne von mir geben und darauf bestehen, daß die Missetäter der Gerechtigkeit zugeführt werden - Raufereien wären genauso wie weiche Drogen kein Vergnügen, wenn sie offiziell gebilligt würden. Aber zum Glück habe ich keine derartige Verantwortung: Ich bin ein Fan, der nicht verpflichtet ist, einer wie auch immer gearteten moralischen Linie treu zu sein.

Ziemlich frei nach Nick Hornby ("Fever Pitch")

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