Mittwoch, 18. August 2004

Schädlinge

Der massenweise Anbau von Kulturpflanzen ist für einen gegebenen Lebensraum ein Ungleichgewicht seiner Artenzusammensetzung. Die Natur läßt aus ihrer Waffenkammer solche Lebewesen aufmarschieren, die der überhand genommenen Pflanzenart gefährlich werden. Doch wir leben nicht nur in einem Gruselkabinett von fressenden, nagenden, stechenden, bohrenden, saugenden und sich hemmungslos mehrenden Schädlingen, sondern wir stehen auch mit unseren Kulturflächen in einem größeren Beziehungsgefüge, das aus sich heraus immer bestrebt ist, unnatürliche Vorherrschaften einer Art aufzulösen. Es gibt auch in der Natur unter bestimmten örtlich begrenzten Bedingungen Ansammlungen von Lebewesen mit Kennzeichen von Monokulturen. Tatsache ist jedoch, daß heute nahezu alle Schädlinge der Landwirtschaft, denen man in einem weltweiten Abwehrkampf vergeblich Herr zu werden sucht, mit dem Einführen von Mineraldünger und Monokulturen erst massenweise in Erscheinung traten. Viele von ihnen richteten auch in vorindustriellen Zeitaltern Ernteschäden an, doch hatten sie keine Veranlassung, nämlich keine Möglichkeit, zu ähnlichen Massenauftritten wie heute.
Ich will nicht zu der Annahme einladen, man müsse nur alles sich selbst überlassen, die Natur würde das schon regeln. Die Natur kann nur sich selbst regeln. Die vom Menschen gezüchteten Nutzpflanzen bedürfen auch der Pflege und des Schutzes durch Menschen. Aber wo wir unsere Kulturflächen vor den Ausgleichsbewegungen der Natur schützen müssen, können wir das mit Mitteln tun, die uns die Natur an die Hand gibt.
Ähnlich verhält es sich mit den Pflanzenkrankheiten. Ihre Erreger sind nichts anderes als Schädlinge geringerer Körpergröße: Bazillen, Pilze und Viren. Sie werden in der Natur immer da wirksam, wo das Gleichgewicht mit anderen Mitteln nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Wenn Weidetiere nicht mehr durch große Raubtiere gesunderhalten werden, indem die Raubtiere einen Auslesedruck auf sie ausüben, dann übernehmen Krankheiten und Schmarotzer die Aufgabe fehlender Freßfeinde. Krankheiten sind die Fortsetzung natürlicher Bestandsregelung mit anderen Mitteln.
Im Garten, einem Schutzgebiet für Hochleistungspflanzen, haben Schädlinge und Krankheitserreger immer dann leichten Zugriff, wenn Nutzpflanzen
...in einem Klima gezogen werden, das ihnen nicht entspricht; das gilt für alle deshalb besonders empfindlichen Treibhauskulturen;
...auf Böden und in Pflanzennachbarschaften gezogen werden, die nicht ihren Bedürfnissen entsprechen; das gilt gegebenenfalls auch für die Nachbarschaft mit sich selbst;
...durch Mangel an bestimmten Nährstoffen, Wasser oder Licht in ihrer Widerstandskraft geschwächt werden;
...unter besonders ungünstigen Wetterverhältnissen zu leiden haben, wie zum Beispiel Tomaten im Dauerregen;
...künstlich ernährt werden, das heißt, wenn man sie durch Mineralsalzgaben zu einem Wachstum anregt, das dem Belebungsgrad des Bodens nicht entspricht;
...durch einseitige Zuchtziele degeneriert sind. Man kennt dieses "Abbauen" vor allem bei sehr ertragreichen, also hochgezüchteten Sorten, aber letztlich bei allen Kulturpflanzen. Man kann deshalb in der Regel nicht unbegrenzt lange aus eigenem Anbau Samen ziehen. Die fehlende Auslese, in der ungeschützten Natur durch den Daseinskampf gegeben, läßt die Kulturpflanzen im Laufe der Generationen lebensuntüchtig werden, sie bauen ab.
Vereinzelte Schadinsekten im Garten oder ihre Fraßspuren sind weder ein Grund zur Beunruhigung noch für Gegenmaßnahmen. Wer etwas von den unterschiedlich gestalteten Kerbtieren des Gartens versteht und sich sozusagen fachkundig etwa über die Schwebefliegen freut, die im Schwirrflug über Blumenrabatten stehen, der wird sich auch klar darüber sein, daß diese schlanken, wespenähnlichen Räuber nicht von Nektar, sondern von Blattläusen leben, die mit Sicherheit auch seinen Garten bewohnen und dort ihr Auskommen finden. Das heißt, ein paar Blattläuse sind, obwohl sie in der Masse als arge Schädlinge wirken können, im Garten nicht ganz unerwünscht. Sie sorgen dafür, daß sich ihre natürlichen Feinde gleichsam zum Einsatz bereithalten, wenn die Blattläuse günstige Vermehrungsbedingungen vorfinden und sich in kurzer Zeit zur Plage auswachsen.

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