Dienstag, 17. August 2004

Biologischer Gartenbau

Biologie ist die Lehre (Logos) vom Leben (Bios). Dagegen wurde "biologisch" zu einem oft weltanschaulich geprägten Schlagwort. Die Begriffsbildung "biologischer Anbau" oder "biologisches Gemüse" kann man mit der eines "nassen Wassers" vergleichen. Denn jede Pflanze wächst im Einklang mit den Lebensgesetzen der Natur "biologisch" oder sie wächst gar nicht. Kümmert sie dahin, weil die Bedingungen für ihre artgemäße Entfaltung nicht ausreichen, so offenbart sie uns, solange sie lebt, noch immer das Wunder des Wachsens. Wir können dieses Wunder fördern, beeinflussen oder verhindern, aber nicht selbst hervorbringen. Vor dieser Selbstbescheidung unserer Möglichkeiten wollen wir im folgenden unter "biologischem Gartenbau" das verstehen, was heute üblicherweise damit gemeint ist: Gärtnern ohne Gift. Damit wird jedoch nur ein Kennzeichen, nicht das Wesen dieser Wirtschaftsweise angesprochen. Daß der biologische Anbau ohne Pestizide - also mehr oder weniger giftige Chemikalien - wie Herbizide zur Bekämpfung unerwünschter Pflanzen, Insektizide gegen Kerbtiere und Fungizide gegen Pilze auskommt, ist eine seiner Seiten. Hier wird oft Ursache mit Wirkung verwechselt. Arbeitet man ohne alle diese Mittel, möglicherweise auch noch ohne jeden Kunstdünger, dann hat man vielleicht ein Stück verwilderter Natur oder eine magere Kulturfläche innerhalb des Gartenzaunes, aber noch keinen biologischen Anbau. Ähnlich kann man nicht schon deshalb von einer gesunden Lebensweise sprechen, weil man lediglich die Genußgifte und weißen Zucker von der Ernährung ausschließt. Daß sich der gewerbliche Obst- und Gartenbau sowie die Landwirtschaft so eng mit der Zulieferindustrie Chemie verbanden, hat seinen Hauptgrund in der Möglichkeit, mit wachsender "chemischer Keule" schneller mehr zu ernten, maschinengerechte Monokulturen weitgehend frei von Krankheiten und Schädlingen zu halten. Das immer schneller laufende Sachzwang-Karussell von hohem Kapital- und Energieeinsatz und der dadurch verursachten Notwendigkeit, hohe Erträge hereinzuwirtschaften, um die aufgewendeten Mittel nach dem Maßstab industrieller Produktion zu verzinsen, entfernt die Urerzeugung Landwirtschaft zunehmend von ihren ökologischen Grundlagen. Das Unbehagen an dieser Entwicklung, deren Ergebnisse uns erst in den kommenden Jahrzehnten voll treffen werden, fördert die Zuwendung zu alternativen Lösungen. Da keiner von uns das Bestehende im Großen ändern kann, wird vielfach der Wunsch wach, wenigstens im eigenen Wirkungsbereich die natürlichen Grundlagen des Gärtners bewußt zu pflegen, sich den Sachzwängen der gewerblichen Anbauer weniger oder nicht zu unterwerfen. Ein solches Empfinden und Denken vieler Mitmenschen sollte man nicht voreilig als ein nur weltfremd-romantisches Zurück-zur-Natur werten, sondern auch als ein heutiger Erkenntnis angemessenes und deshalb zukunftsweisendes Handeln.

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