Mittwoch, 10. September 2003

Mozart

Felix ist nicht der erste Kater, der Wohnung und Zeit mit mir teilt. Mein erster Kater, sozusagen der Vorgänger von Felix, hieß "Mozart", war getigert und viele Jahre lang mein treuester Freund. Hier erzähle ich kurz seine Geschichte.
Es war irgendwann im Jahr 1985, als meine Lebensgefährtin nach Hause kam und zu meinem Erstaunen ein klitzekleines Tigerkätzchen aus ihrer Jackentasche kramte. Ich war überrascht und entzückt über dieses kleine Geschöpf, das noch etwas ängstlich und hilflos durchs Wohnzimmer trottete. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie erinnerte er mich an "Die kleine Nachtmusik", die "Haffner-Symphonie" oder die "Zauberflöte". Sein Gesichtsausdruck und seine Körpersprache, seine Bewegungen und die Stimmung, die er verbreitete hatten etwas von dieser Musik. So kam der kleine trollige Kerl zu seinem für Katzen nicht unbedingt alltäglichen Namen "Mozart".
Eine glückliche Fügung wollte es so, daß ich die Gelegenheit hatte, ihn tagsüber ins Geschäft mitnehmen zu können. Morgens, wenn ich die Wohnung verließ, steckte ich ihn in eine große, verschließbare Tasche, die ich im Auto auf den Beifahrersitz stellte. Nach einer Fahrzeit von einer knappen halben Stunde wurde er dann an meinem Arbeitsplatz aus seinem "Gefängnis" befreit. Nach Feierabend fand die gleiche Prozedur in entgegengesetzter Reihenfolge statt. Da dieser Ablauf in gleicher Weise nahezu täglich stattfand, sträubte er sich bald nicht mehr dagegen, wenn er eingepackt wurde. Da er den ganzen Tag in meiner Nähe war und von mir sein Futter und seine Streicheleinheiten bekam, gewöhnte er sich schnell an mich. Bald war leicht zu bemerken, daß ich für ihn ein ganz besonderer Mensch war - sein Herrchen.
Wie alle jungen Katzen war auch er anfangs sehr verspielt. Ich zog oft den ganzen Abend Schnürchen durch die Wohnung, warf weiche Bälle über den Flur, raschelte mit Papiertüten oder kratzte geheimnisvoll in einem Karton. Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag, als ich ausruhen wollte. Damit ich eine zeitlang auf dem Sofa sitzen bleiben konnte, verspannte ich ein ganzes Wollknäuel überall in der Wohnung. Dann machte ich es mir gemütlich und rollte die Wolle ganz langsam wieder auf. Mozart jagte immer dem Ende des Wollschnürchens hinterher. So ging es eine ganze Zeit lang um Tischbeine herum, unter der Couch hindurch, über Türklinken hinweg oder an der Wand entlang. Mozart hatte seine helle Freude und ich eine lustige Unterhaltung, während ich mich ganz gemütlich ausruhte. Auch das Raufen mit meiner Hand war eines seiner Lieblingsspiele. Wenn ich ihm eine Kralle zeigte, stürzte er sich sofort auf mich und biß mir in die Hand, die oft blutig verkratzt und verbissen war, so daß jeder Kenner sofort sah, daß es sich bei mir um einen Katzenhalter und -liebhaber handeln muß.
Als Mozart etwa zwei Jahre alt war, stand ein Umzug vom Stadtrand in die Altstadt an. Er hatte sich bislang nur innerhalb von Gebäuden aufgehalten und machte auch keinerlei Anstalten, daran irgendetwas zu verändern. Mir war es auch ganz recht so, denn ich befürchtete, daß er womöglich von einem Auto überfahren werden könnte. Da es in der Augsburger Innenstadt viele Katzen gibt, dauerte es in der neuen Wohnung nicht sehr lange, bis er durch ein Fenster die erste Katze sah, wie sie frei durch die Straßen spazierte. Ab diesem Zeitpunkt war Mozart nicht mehr zu halten. In aller Schnelle fand er heraus, wie er die Türklinken drücken kann - und weg war er. Als er später wieder zurück kam, sperrte ich die Wohnungstüre ab, damit sich dieser Vorfall nicht mehr wiederholen würde. Doch dann ging es erst richtig los! Als Mozart bemerkte, daß er die Türe nicht mehr öffnen konnte, riß er an den Fenstern die Vorhänge herunter, ließ die Blumentöpfe von den Simsen stürzen oder zerkratzte den Teppich. Ich mußte einsehen, daß er nicht länger in der Wohnung zu halten war und ließ in ab sofort, immer wenn er wollte, hinaus. Er hatte mich überzeugt.
In Windeseile eroberte und erkämpfte er sich sein Revier und den Respekt der anderen Katzen. Dabei blieb es natürlich nicht aus, daß er ab und zu gezeichnet vom Kampf mit Bisswunden und anderen Blessuren wieder nach Hause kam. Mozart war oft ziemlich lange unterwegs, doch wenn er sich mehr als drei Tage und drei Nächte nicht mehr sehen ließ, stimmte etwas nicht. So fand ich ihn einmal übel zugerichtet in einem Kinderwagen liegen. Er hatte tiefe Bisswunden, zerfetzte Ohren und Mundwinkel und konnte nicht mehr gehen. Ich mußte einige Zeit aufwenden, um ihn liebevoll aufzupäppeln, bis er wieder gesund war. Fortan zeugten einige Narben und ein fehlender Eckzahn von diesem Ereignis, doch ansonsten war er wieder ganz der Alte und drehte seine Runden, als wäre nichts gewesen. Nach einiger Zeit war er wieder einmal mehrere Tage und Nächte nicht mehr aufgetaucht und ich machte mir schon Sorgen um ihn, als ich im Keller ein merkwürdiges Rascheln vernahm. Ich ging den Geräuschen nach und fand Mozart in einem leeren Karton liegen. Sein ganzes Fell war mit Motorenöl übergossen und er erbrach sich ständig, da er sein Fell durch Abschlecken zu reinigen versuchte, was seinen Magen verdarb und ihn vergiftete. Wahrscheinlich war er irgendwann durch das Kellerfenster eingestiegen und versteckte sich dort womöglich schon länger. In der Wohnung wollte er nichts fressen und leckte immer nur sein Fell. Er mußte unter der Dusche shampooniert werden, was nur zu zweit erledigt werden konnte. Einer mußte den Kater, der sich mit aller Macht wehrte, festhalten und der Andere mußte ihm das Fell waschen und abduschen. Das war wirklich ein Stück harter Arbeit, die dann mit einigen Kratzern trotz dicker Lederhandschuhe erfolgreich beendet werden konnte. Bald bekam Mozart wieder einen gesegneten Appetit - ein untrügliches Zeichen dafür, daß er wieder ganz gesund war.
Eines Tages spazierte ich durch die Fuggerei, die sich ganz in der Nähe meiner damaligen Wohnung befindet. In der Mitte der Fuggerei plätscherte ein runder Springbrunnen, aus dem ein außergewöhnlich großer Hund gerade Wasser soff. Plötzlich sah ich meinen Kater Mozart, wie er aus den Blättern der wilden Weinstöcke herausschoß und provokativ aufreizend im Halbkreis um diesen riesigen Hund herumhüpfte. Der reagierte erst gar nicht, doch Mozart wiederholte sein Spielchen so lange, bis der Hund verärgert bellte und versuchte, den Provokateur zu schnappen. Mozart schlug ein paar schnelle Haken und als der Hund die Verfolgung nach kurzer Zeit aufgab, hoppelte mein Tiger sichtlich vergnügt mit dem Schwanz steil nach oben und ohne mich zu bemerken von dannen. Mozart hat sich immer gerne mit Hunden angelegt. Während die meisten Katzen sich immer schnell versteckten, blieb er stur stehen und fauchte. Oft ging er mit mir spazieren, doch wenn hinter einem Zaun ein Hund aufgeregt kläffend sich ereiferte, blieb Mozart stehen oder stolzierte auf und ab und erfreute sich am Gehabe des außer sich geratenen Köters.
Als mich Mozart eines Abends wieder einmal durch die Altstadt und auch die besagte Fuggerei begleitete, sprang plötzlich aus einer Höhe von gut zwei Metern eine große, schwarze Karthäuserkatze herunter und wollte sich mit ihm anlegen. Erst wehrte er sich noch, doch nach kurzer Zeit mußte er einsehen, daß er gegen dieses schwere und kräftige Tier keine Chance hatte. Ich klapperte laut mit meinem Schlüsselbund, so daß die Karthäuserkatze Angst bekam und von meinem Kater abließ. Im Rückwärtsgang, ohne den Feind auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, verließen wir die Fuggerei durch ein Portal. Seitdem hatte ich das Gefühl, daß dieses Ereignis Mozart nie vergessen hat, sein Vertrauen in mich und seine Freundschaft zu mir noch stärker waren als je zuvor.
Es kam die Zeit, als ich mein Heim und meine Katze für mehrere Monate verlassen mußte, doch als ich nach 244 Tagen wieder zurück kam, sprang er, als ich noch hunderte von Metern entfernt von Zuhause war, aus einem Gebüsch heraus schnurstracks auf mich zu. Er hatte mich sofort erkannt, noch bevor ich ihn gesehen hatte.
Als ich nach Deuringen umzog, war Mozart schon im betagteren Alter und nicht mehr gar so wild wie früher. Sein Revier war nun nicht mehr so groß. Wenn ich ihn suchte, fand ich ihn meistens im Umkreis der Wohnung. Anfangs gab es manchmal Ärger mit einigen Nachbarn, weil er auf einem frisch gewaschenen, weißen Mercedes seine Katzenspuren hinterließ oder in einen Vorgarten stieg und einem anwesenden Zwergschnauzer zeigte, wo der Bartel den Most holt. Doch der Ärger legte sich bald, nachdem sich alle an ihn gewöhnt hatten. Es dauerte nicht lange und Mozart befreundete sich mit einer Kätzin, die genauso getigert war wie er.
Bald erkannte er mein Auto am Geräusch. Immer, wenn ich Nachts aus der Spätschicht kam, sprang er schnell vor unsere Haustüre und wartete dort meistens schon auf mich, wenn ich aus meinem Wagen ausstieg. Nur einmal beobachtete ich ihn, als er sich täuschte. Ich stand gerade auf dem Balkon, als ich sah, wie ein Fahrzeug gleicher Bauart und Farbe die Straße herunterfuhr. Es dauerte wenige Sekunden und schon war Mozart da, der erst etwas zögerte, weil der Wagen an einem für mich unüblichen Platz einparkte. Doch scheinbar war er sich sicher, daß sein Herrchen in diesem Auto sitzen mußte, denn er sprang vor die Autotüre und war sichtlich geschockt, als ein Fremder ausstieg. Doch als ich mich ihm bemerkbar machte, war er erleichtert und der Abend war gerettet.
Wenn ich im Wald wanderte, ging er oft kilometerweit mit, doch in meinem Garten schien er sich nicht heimisch zu fühlen. Eher selten hielt er sich dort auf, denn das Gebiet gehörte wohl zum Revier einer anderen Katze. In einer lauen Sommernacht, als ich vor meiner Hütte saß und mich des Lebens freute, sah ich trotzdem einmal, wie Mozart eine Maus fing. Erst dachte ich, er hätte einen Vogel geschnappt, denn sein Opfer gab pfeifende Geräusche von sich. Doch als ich näher hinsah, bemerkte ich die Maus und beobachtete das grausame Spiel, das mein Kater mit ihr trieb. Als er sie nach mehreren Minuten getötet hatte, nahm er sie ins Maul, sprang über den Zaun und verschwand in einem Gebüsch in Nachbars Garten. Nach einer Weile kam er schmatzend schleckend zurück und putzte sich säuberlich. Oft kam es auch vor, daß tote Mäuse vor dem Hauseingang lagen. Das waren die erlegten Beutetiere meines Katers, die er dort als Trophäe ablegte. Ich lobte ihn dann immer und mein Mozart war dann sehr stolz.
Mozart wurde immer älter und tat sich schon langsam schwer mit dem Treppensteigen oder anderen körperlichen Aktivitäten. Als ich zu Ostern im Jahr 2000 eine Reise auf die Halbinsel Sinai unternahm, fand ich niemand, der ihn in der Zwischenzeit versorgen würde. So gab ich ihn in eine Katzenpension, wo für ihn gesorgt werden sollte. Ich werde nie vergessen, wie er mir hinterher blickte, als ich ihn verließ. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, daß ich ihn lebend sah. Als ich nach zwei Wochen aus Ägypten zurückkehrte, erfuhr ich zu meinem Entsetzen, daß Mozart am Ostermontag, dem 24. April gestorben war. Er hatte ein faustgroßes Krebsgeschwür im Bauch und mußte deswegen eingeschläfert werden. Ich war wie vor den Kopf gestoßen und mache mir heute oft noch Vorwürfe. Vielleicht hätte er noch länger gelebt, wenn ich die Reise nicht angetreten hätte. Ich konnte es erst gar nicht glauben, daß er wirklich gestorben war und kam nicht zur Ruhe. So fuhr ich eines Tages nach Rain am Lech zu dem Tierarzt, der ihn eingeschläfert hatte. Dort übergab man mir den tiefgefrorenen Leichnam meines geliebten Katers. Ich war zwar traurig, doch es beruhigte mich, als ich sah, daß er gemütlich zusammengerollt friedlich eingeschlafen war. Ich fuhr zu meinem alten Gartengrundstück, wo ich ihm als seine letzte Ruhestätte ein kühles Grab aushob und ihn dort bestattete.
Schlummere in Frieden, mein treuer Freund!
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