Donnerstag, 28. August 2003

Felix: Das erste Jahr

Mein alter Kater Mozart war am 24. April 2000 an Krebs gestorben. Ich war sehr traurig und wollte zunächst keine Katze mehr haben, doch je mehr die Zeit verstrich, desto mehr bemerkte ich, daß irgendetwas in meinem Leben fehlte. Im August 2002 hielt ich es dann nicht mehr aus und ein kleiner Kater mußte wieder her. Ich studierte in der Zeitung die Anzeigen der Rubrick "Tiermarkt" und nach ein paar Telefonaten wurde ich fündig. In Lettenbach hatte eine Kätzin mehrere Junge bekommen, die jetzt alle ungefähr zehn Wochen alt waren. Also fuhr ich dorthin und sah meinen Stubentiger zum erstenmal. Es war gleich klar, daß ich ihn behalten mußte. Er war noch ein ganz kleines, ängstliches und manchmal etwas unbeholfenes Kerlchen. Er lebte mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in einem Stadel und tollte im Garten herum. Erst wollte er sich von mir nicht fangen lassen, doch mit einem raschen Griff schnappte ich ihn. Dann fuhren wir auf dem kürzesten Weg in seine neue Heimat. Weil er so aussieht wie die Katze auf bestimmten Katzenfutterdosen, bekam er den Namen "Felix".
Erst war ihm wohl nicht ganz geheuer zumute, doch ein Schälchen Milch und ein Napf mit leckerem Futter lockten ihn aus der Reserve. Nach kurzer Zeit war er schon richtig heimisch. Er schlüpfte in jede Tüte und stieg gern in Kisten und Schachteln. Sein liebster Ort war aber wohl der Balkon, wo er von der Brüstung aus die Welt um sich herum beobachtete oder in dem großen Blumentopf zwischen den Lilien ein Nickerchen hielt. Ich hatte noch von früher einen großen Kratzbaum mit Höhle, der bis zur Zimmerdecke reichte. Den stellte ich wieder auf und Felix nahm ihn sofort in Beschlag. Er wetzte seine Krallen, kletterte hoch und inspizierte die Höhle. Bis er auf die obere Plattform kam vergingen schon einige Tage, doch im Eifer des Gefechts gegen die an Schnüren befestigten Kugeln kämpfte er sich nach oben. Immer wieder schaute er nach mir mit einem ganz frechen Blick. Es gab aber auch unerfreulichere Momente, denn er hatte Milben in den Ohren und mußte auch noch entwurmt werden. Klar, daß diese Prozedur bei ihm noch weniger beliebt war als bei mir und wir waren beide froh, als wir diese lästige Aufgabe hinter uns gebracht hatten. Immer mutiger turnte er jetzt auf der Balkonbrüstung herum und es dauerte nicht lange, da plumpste er zum erstenmal hinunter vor die Veranda im Erdgeschoß. Als ich ihn unten holte, schaute er ganz erschrocken und flüchtete sich in meine Arme. Es war nie Absicht, doch er ist ab und zu immer wieder abgestürzt. Den Schrecken bekam er immer seltener und langsam fing er an, auch die Gegend außerhalb der Wohnung zu erkunden. Meistens war er aber der Spaßvogel im Wohnzimmer, der unerbittliche Kämpfer gegen sämtliche Schnüre, Bälle und Papierkugeln. Bald wurde es Herbst, ich hatte Urlaub und wollte eine Woche verreisen. Da mußte Felix leider schon wieder sein Zuhause wechseln und ich brachte ihn nach Geltendorf in gute Hände. Als ich ihn dort nach einer Woche abholte, erkannte er mich gar nicht mehr oder er wollte mich nicht mehr kennen und war beleidigt.
Mittlerweile war die Gemütlichkeit auf dem Balkon dahin, denn es wurde ziemlich kalt und sein Versteck in den Lilien war schon verwelkt. Immer öfter wollte er jetzt nach draußen und bald hatte er seine Freundin gefunden. Sie hieß Lilly, war wohl ein paar Monate älter und sah fast genauso aus wie er. Erst kannte ich die beiden kaum auseinander, doch dann bemerkte ich die schwarzen Stellen an Lilly's Beinen. Felix ist eigentlich weiß und sieht oft aus, als hätte er sich einen schwarzen Helm aufgesetzt und eine Decke über den Rücken gelegt, die bei einem bestimmten Lichteinfall grau getigert schimmert. Er lernte viel von Lilly, die einmal sogar zu ihm auf den Balkon hochkletterte. Heimlich habe ich die beiden beobachtet, wie sie herumtollten und spielerische Raufereien austrugen. Gut erinnere ich mich auch noch an den Moment, als sie ihn mit einer Eselsgeduld auf einen kleinen Baum lotste, den er erst eine ganze Weile nicht hochkam. Als die beiden dann im zu dieser Jahreszeit blattlosen Geäst standen, hielten sogar vorbeigehende Spaziergänger an und erfreuten sich an diesem belustigenden Anblick. Es war an der Zeit, daß Felix sterilisiert wird, denn er wurde immer wilder und lästiger und wäre so nicht mehr zu halten gewesen. Ich brachte ihn morgens zum Tierarzt, der ihn erstmal in einer Box einsperrte, und sollte ihn am späten nachmittag wieder abholen. Er schaute mich verstört und beleidigt an, als er aus seinem Tran erwachte, doch bald hat er mir verziehen. Seiner Lilly war es scheinbar egal, daß er jetzt kein richtiger Kater mehr war, denn sie waren weiterhin die besten Freunde. Es folgte die Adventszeit und Felix bekam einen Katzenadventskalender mit vierundzwanzig Leckereien. Der Anlaß war ihm einerlei. Wichtig war, daß die Bissen schmeckten und in einer spielerischen Form verabreicht, machte ihm das Futtern noch mehr Spaß als sonst. Inzwischen war er schon ganz schön gewachsen und entwickelte sich langsam zu einem stattlichen Burschen. Sein Fell war jetzt nicht mehr so flaumig und er konnte schon fest beißen und kratzen. Kleine Scheingefechte und Neckereien waren ohne dicke Handschuhe nun nicht mehr möglich.
Es begann die Zeit, als er anfing abends die Wohnung zu verlassen, um erst am nächsten morgen wieder aufzutauchen. Dann war er jedesmal sehr hungrig und nachdem er sich seinen Bauch vollgeschlagen hatte, trottete er ganz gemütlich zu seinem Plätzchen, um erstmal ausgiebig zu ruhen. Als es Frühling wurde, beteiligte er sich an den Revierkämpfen und vergrößerte seinen Aktionsradius zusehends. Bald fand er den Weg in meinen Garten selbst, doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis er mich dort zum erstenmal überraschte. Er jagte Spinnen, Schmetterlinge oder Nachtfalter und war schier verzweifelt, daß er keinen Vogel erwischte. Er versuchte, senkrecht die hohe Stange hochzuklettern, an deren oberen Ende ein bewohnter Nistkasten war und rutschte kurz vor dem Ziel nach unten. Er pirschte sich langsam und lautlos, tief geduckt und mit starrem Blick an eine Amsel heran, die geschäftig im Beet nach Würmern suchte, doch als er zuschnappen wollte, flog sie ihm vor der Nase davon. Wenn er hoch oben am Himmel Vögel fliegen sah, biß er in die Luft. Einen Vogel zu fangen wäre für ihn ein Traum gewesen und nicht diese glitschigen und kalten Frösche, die bald langweilig wurden. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn er einen Wunsch frei gehabt hätte wäre ihm die Entscheidung nicht schwer gefallen. Er hätte sich Flügel gewünscht.
>> Fotos

Keine Kommentare: