Montag, 6. Februar 2012

Ritterstern

Im vorjährigen Winter blühte in Nervenruh's Zuhause ein prächtiger Ritterstern (siehe Eintrag vom 30. Januar 2011). Er sollte auch heuer wieder zum Leben erwachen und abermals die düstere, kalte Jahreszeit mit seinen Trompetenkelchen verschönern. Man richtete ein Augenmerk darauf, dass die Pflanze bei einer Zimmertemperatur von 18°C bis 20°C gedeihen konnte, schnitt nach der Blütezeit die verwelkten Teile samt Stiel ab, goss häufiger, um die Entwicklung der Blätter zu fördern, platzierte sie den Sommer über im Garten an einem halbschattigen Platz, stellte im August jegliche Pflege ein, damit das Laub verdorren und die Ruhephase beginnen konnte, bewahrte die Zwiebel an einem kühlen Ort in der trockenen Erde auf, topfte sie im November um, begann im Dezember wieder zu gießen und wartete darauf, dass der Ritterstern abermals mit seinen mächtigen Trompetenkelchblüten die anderen Zimmerpflanzen in den Schatten stellt und uns mit seiner bunten Pracht den trostlosen Winter verkürzt. Die Freude war groß, als die vertrocknete Blumenzwiebel tatsächlich grün austrieb. Doch alles, was das Gewächs bot, waren zwei Blätter. Sonst nichts. Darum besorgte sich Nervenruh einen neuen Ritterstern. Diesmal handelt es sich um eine andere Sorte mit einer dickeren Zweibel und Blütenstängeln, aus denen jeweils zwei große, rote Kelche, die fast schon an Lilien erinnern, wachsen. Im Moment zeigt die Pflanze ihre ganze Pracht.

Sonntag, 29. Januar 2012

Post von Costa

Bislang nahm Nervenruh an zwei Kreuzfahrten der Costa Crociere S.p.A. teil. Zum einen im Jahr 2005 auf der Costa Victoria, zum anderen 2008 auf der Costa Classica. Beide Reisen liefen ohne Zwischenfälle ab. Jetzt, nach dem Kentern der Costa Concordia vor Giglio, erreichte ihn ein undatierter Brief, abgesandt von der deutschen Niederlassung Costa Kreuzfahrten, Am Sandtorkai 39, 20457 Hamburg. Der Wortlaut: 
Sehr geehrter Herr Nervenruh, 
in diesem schweren Moment liegt es mir sehr am Herzen, mich persönlich an Menschen wie Sie zu wenden, die uns als Mitglied des Costa Clubs schon seit Längerem ihre Nähe und ihr Vertrauen zeigen. 
Der schreckliche Unfall der Costa Concordia hat das getroffen, was uns am meisten am Herzen liegt: unsere Gäste, unsere Mitarbeiter, eines unserer herrlichsten Schiffe. Wir sind zutiefst erschüttert über die Leiden, Ängste und Unannehmlichkeiten, die diese Menschen erfahren, und über den Schmerz der Angehörigen der Opfer.
In aller Welt sind etwa 1.100 Mitarbeiter von Costa Kreuzfahrten ohne Pause mit den Folgen dieses schrecklichen Unfalls beschäftigt, indem sie die Rettungsaktionen unterstützen und den Gästen sowie der Besatzung helfen, nach Hause und zu ihren Familien zurückzukehren. 
Dieses dramatische Ereignis, das allem Anschein nach ausschließlich durch einen menschlichen Fehler verursacht wurde und sich niemals wiederholen darf, hätte nicht geschehen dürfen. 
In dieser schwierigen Lage erleben wir, mit welcher Opferbereitschaft Mitglieder unserer Besatzung ihre eigene Sicherheit hinter die von anderen stellen. Wir haben gesehen, dass sich die Besatzung wirklich lobenswert verhalten hat, denn unter extrem schwierigen Bedingungen ist es ihr - trotz der schrecklichen Situation, in der sich alle befanden - gelungen, innerhalb kürzestmöglicher Zeit über 4.000 Menschen zu evakuieren. Auf diese Einsatzbereitschaft sind wir stolz, so wie auf unser Engagement für Ihre Sicherheit. 
Wer uns kennt, weiß, dass Costa Kreuzfahrten in voller Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften arbeitet und dass seine Managementverfahren den internationalen Standards entsprechen, diese teilweise sogar übertreffen. 
Allen Mitgliedern unserer Besatzungen wurde eine Spezialausbildung für den Umgang mit Notfällen und die Unterstützung der Gäste im Fall einer Evakuierung des Schiffs zuteil. Jedes Mitglied unserer Besatzungen verfügt über eine spezifische Zertifizierung (BST - Basic Safety Training) und wird in Schiffsevakuierungsübungen geschult, die regelmäßig alle zwei Wochen stattfinden. Positionen, Verantwortlichkeiten und Aufgaben sind klar definiert und zugeteilt, damit im Notfall richtig reagiert werden kann. 
Außerdem wird die Ausbildung der Besatzungen von Costa Kreuzfahrten auch regelmäßig von der Küstenwache und von unabhängigen Prüfgesellschaften in Bezug auf die Einhaltung der Anforderungen des SMS-Systems (Safety Management Systems) geprüft.
Für alle Gäste, die sich auf Kreuzfahrten befinden, wird entsprechend den gesetzlichen Vorschriften innerhalb von 24 Stunden ab dem Einschiffungstag eine Übung durchgeführt. Costa Kreuzfahrten verfügt über ein Computersystem, mit dem kontrolliert werden kann, ob alle Gäste an dieser Übung teilgenommen haben. 
Zur Gewährleistung maximaler Sicherheit stehen außerdem auf allen Costa-Schiffen Schwimmwesten, Rettungsboote und Flöße zur Verfügung, deren Anzahl über der Anzahl aller Personen, die sich auf dem Schiff befinden können, liegt. Die Rettungsboote sind mit Sicherheitsausstattungen wie Wasser- und Essensvorräten, Erste-Hilfe-Kästen und Signal- sowie Kommunikationsgeräten ausgestattet, die garantieren, dass in aller Sicherheit auf Hilfe gewartet werden kann. Die Rettungsboote werden zudem regelmäßig sorgfältigen Kontrollen durch das Schiffspersonal und Prüfgesellschaften unterzogen. Alle Schiffe von Costa Kreuzfahrten sind RINA-zertifiziert und werden mit modernsten Technologien und nach höchsten Standards gebaut.
Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die wir denjenigen gegenüber haben, die uns ihr Vertrauen schenken. Die vielen Sympathiebekundungen, die wir in diesen Tagen von Gästen erhalten, die auf unseren Schiffen gereist und unseren Mitarbeitern begegnet sind, sind uns in diesem Moment Ermutigung und Trost.
Auch Ihr Vertrauen zu behalten und Sie hoffentlich erneut bei uns an Bord begrüßen zu dürfen, sind uns Ansporn und Belohnung für all unsere Anstrengungen. 
In Dankbarkeit, 
Pier Luigi Foschi
Chairman & CEO Costa Cruises

Mittwoch, 25. Januar 2012

Rhythmus des neuen Europa

Gerrit Engelke wurde am 21. Oktober 1890 in Hannover geboren. Sein Vater wanderte 1904 nach Amerika aus. Nach der Volksschule begann der spätere Arbeiterdichter eine Lehre und absolvierte die Gehilfenprüfung im Maler- und Lackierergewerbe. 1910, als Mutter und Schwester seinem Vater in die Neue Welt folgten, blieb er in Hannover, betrieb umfangreiche Mal- und Zeichenstudien und begann zu schreiben. Als nahezu Mittelloser führte er ein umfangreiches Bücherverzeichnis mit über vierhundert Bänden, heimste zwei Preise der Hannoverschen Kunstgewerbeschule ein, verkaufte Zeichnungen und Aquarelle an das Museum August Kestner und schrieb und schrieb. 1915 wurde er zum Militär einberufen, kämpfte an allen Fronten und starb dennoch in den letzten Kriegstagen am 13. Oktober 1918 in Frankreich in einem britischen Lazarett. Aus seinem Nachlass stammt der Gedichtband „Rhythmus des neuen Europa“, den Jakob Kneip 1921 bei Diederichs herausgab. Kostprobe:

Blut-Strom

Pochend, pochend, fort und fort
Treibt die Lebensgas-Maschine.
Pochend, pochend, fort und fort.
Treibt im Kreis die Herz-Turbine:
Durch das Lungen-Schwammgekräuse,
Durch des Hirnes Labyrinth-Gehäuse,
Durch die Leber-, Nieren-Schleuse,
Durch der Nährungs-Adern Vielkanäle:
Blutes roten Fluß. –
Weiter fließt der Fluß:
Schmilzt mit Lava-Glut die Aderschäle
Wellend, schwellend, fort und fort:
Springt als Ton: als Schrei, als Wort
In die Straßen-Dissonanz-Choräle,
Geht als Meter-Schritt auf Pflastersteinen,
(Tausendteiliger Druck von Allen Beinen)
Wächst als Arbeits-Griff, als Händedrücken
In das armgetürmte Steinhausblock-Gewirr,
Saust als Peitschenhieb auf Lastpferd-Rücken,
Schwillt als sichtbarwachsend Werk aus Werk-Geschirr.
Pochend, pochend, fort und fort
Treibt im Kreis die Kraft-Maschine,
Pochend, pochend, fort und fort
Treibt im Kreis die Herz-Turbine:
Blut durch Leib- und Stadt-Atom. – 

Fließt und fließt der warme Strom:
Fließt als Licht aus Bogenlampen:
Zischt als »Fertig-Pfiff« von Hochbahn-Rampen:
Schwerer Qualm aus Bahnsteighallen:
Kaufgeschwirr aus Warenhallen:
Stundenschall vom Kirchenturm:
Fließt als Wort vom Telefunken-Turm:
Wellend, schwellend, fort und fort. – 

Siebzehn blutdurchdrängte Straßen-Stunden
Voller Lärm und Arbeits-Drang,
Siebzehn rotdurchströmte Körper-Stunden,
Siebzehn Kreislauf-Stunden lang:
Pocht und treibt die Herz-Turbine. – 

Dann stellt die Alles-Hand
Die Saug- und Speimaschine,
Den Hebelschaft
Auf zehntel Kraft.
Es ruht das Kraftgewelle eine Nacht.
Doch früh beim Sechs-Uhr-Morgen-Pfiff
Verstellt die Hand mit großem Griff:
Das Herz- und Stadt-Getreib auf volle Macht.

Montag, 23. Januar 2012

Die Talentschmiede

Eindrucksvoll zeigte sich am vergangenen Wochenende, dem 18. Spieltag der Fußball-Bundesliga 2011/12, der Wert der vom TSV 1860 München ausgebildeten Spieler. Im einzelnen:
Borussia Mönchengladbach - Bayern München: Die Fohlen hatten den Österreicher Martin Stranzl in ihren Reihen, der seinerzeit als 16-jähriger vom SV Güssing zu den 60ern wechselte und dort zum Profi wurde. Der FC Bayern hatte keine Chance.
VfL Wolfsburg - 1. FC Köln: Ebenfalls im Alter von 16 Jahren stieß Marcel Schäfer von Viktoria Aschaffenburg zum TSV 1860 und erlangte dort Bundesligatauglichkeit. Klar, dass der VfL, für den der achtmalige Nationalspieler seit 2007 tätig ist, das Spiel für sich entscheiden konnte.
Hamburger SV - Borussia Dortmund: Bereits als Fünfjähriger kam Moritz Leitner vom FC Unterföhring zu den Löwen, die er Ende 2010 als Vollprofi verließ. Sven Bender war dreizehn, als er von der SpVgg Unterhaching in die 60er-Schule eintrat. Beide absolvierten für die Blauen ihre ersten Ligaspiele und stehen mittlerweile beim Deutschen Meister unter Vertrag. Die logische Konsequenz: Ein hoher Sieg gegen den HSV.
Bayer Leverkusen - Mainz 05: Lars Bender wechselte seinerzeit mit seinem Zwillingsbruder Sven zu 1860, wo er ebenfalls zum Bundesligaprofi reifte. Er erzielte den entscheidenden Treffer gegen Mainz.
TSG Hoffenheim - Hannover 96: Peniel Mlapa war acht Jahre alt, als er den FC Unterföhring verließ und seine Stiefel für die Sechzger schnürte. Dort entwickelte er sich zum Berufsfußballer, bevor er 2010 nach Hoffenheim ging. Mlapa wurde vorzeitig ausgewechselt, das Spiel endete 0:0.
SC Freiburg - FC Augsburg: Stefan Reisinger und Simon Jentzsch absolvierten zwar mehrere Spiele für den TSV 1860, kommen aber nicht aus der Talentschmiede der Löwen. Sie waren bereits vorher Profis. Anders Daniel Baier, der im Alter von 15 Jahren begann, die 60er-Schule vom Jugend- bis zum Bundesligaspieler zu durchlaufen. Im Spiel gegen Freiburg nahm ihn der Augsburger Trainer in der zweiten Halbzeit vom Platz, was sich für ihn bitter rächen sollte. Nach dem Wechselfehler von Jos Luhukay verlor der FCA in den Schlussminuten 0:1.
In den restlichen drei Begegnungen stand kein vom TSV 1860 München ausgebildeter Spieler auf dem Platz.